Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 42. (1992)

NAUTZ, Jürgen: Österreichische Überlegungen zur wirtschaftlichen Integration Europas und zum europäischen Machtgleichgewicht. Die wirtschaftspolitischen Arbeiten Richard Schüllers im amerikanischen Exil 1943–1950

Jürgen Nautz Nachkriegszeit, bestätigt nicht zuletzt durch die Entwicklungen, die wir seit dem Verfall der sowjetischen Suprematie in diesem Raum verfolgen können. Schüller beschäftigte sich in der Folgezeit weiter mit den Problemen der wirtschaftlichen Integration Westeuropas. 1949/50 vertrat er die Position, eine wirtschaftliche Integration sei durchaus wünschenswert. Eine Zollunion sei aber kaum zu realisieren, da dafür „eine intensive und extensive wirtschaftliche und politische Einheit notwendig ist.“32) Unabhängige Staaten könnten eine solche Konstruktion nicht realisie­ren. Zugleich verwies Schüller auf die historischen Erfahrungen - nicht zuletzt auf seine eigenen -, die man mit Zollunionsprojekten in Europa gemacht hatte33). Als Alternative empfahl er die Schaffung einer Frei­handelszone, innerhalb der die Handelsbeschränkungen für Produkte, die in den Mitgliedsländern produziert werden, wegfallen34). Die Bil­dung der European Free Trade Area (EFTA) entsprach seinen grund­sätzlichen Vorstellungen über die wirtschaftliche Integration Westeu­ropas. Daneben beschäftigte sich Schüller auch mit anderen Fragen der inter­nationalen Handelspolitik, etwa der Ito-Charta35) oder Lateiname­rika36). Er verfaßte auch den wirtschaftlichen Teil der Memoiren Max Warburgs.37). 1952 schied Richard Schüller im Alter von 82 Jahren aus der New School aus und beendete seine wissenschaftliche Karriere. Das hieß für ihn aber nicht, daß er sich zur Ruhe setzte. Er war weiterhin in verschiede­nen Aufsichtsräten tätig. Seine Vitalität und Lebensfreude behielt er bis zuletzt. Nach Beendigung des Krieges nahm die provisorische österreichische Regierung unter Karl Renner mit Richard Schüller Kontakt auf, um ihn für den Wiederaufbau des Landes zu gewinnen. Schüller hat dies aller­dings abgelehnt, mit der Begründung, daß er bereits 1938 das Pensions­32) A free trade area, in: Social Research 16 (1949), S. 151-137. 33) Vgl. im Originalmanuskript S. 153 F. 34) Vgl. Economic Integration of Western Europe, in: Social Research 17 (1950), S. 320-331. 35) Vgl. The ITO charter, in: Social Research 15(1948), S. 135-145. Dieser Artikel wurde nicht in die Edition aufgenommen. 36) Vgl. Great Britain’s post-war trade policy in Latin America. Austrian Economist at New School says a regional „Sterling“ trade block may be set up, ungez. Artikel, in: The Commercial & Financial Chronicle vom 30. November 1944 (Vol 160, Num. 4338). Eben­falls nicht aufgenommen. 37) Die Memoiren erschienen als Privatdruck: Max M. Warburg, Aus meinen Auf­zeichnungen. Privatdruck New York 1952. 350

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