Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 41. (1990)

KUPRIAN, Hermann J. W.: „ …damit auch die Begabteren in Hinkunft dem Archivdienste treu bleiben…“. Ein Beitrag zur Geschichte des österreichischen Archivwesens 1892–1923

Zur Geschichte des österreichischen Archivwesens len, allerdings mit der nunmehr taktisch wohlüberlegten Einschrän­kung, daß die Neuregelung des Archivwesens lediglich „durch Beschluß der Staatsregierung“ und ohne Zustimmung des Hauptausschusses zu erfolgen habe76). Auf persönlichen Wunsch des abwesenden Unter­staatssekretärs Glöckel verzichtete der Vorsitzende schließlich auf eine definitive Schlußfassung, wollte aber „im Interesse der unaufschiebba­ren Lösung der Frage des Kriegsarchivs“ eine prinzipielle Entschei­dung zugunsten der Errichtung einer Generaldirektion respektive eines Archivamtes herbeiführen. Nachdem jedoch Renner, Julius Deutsch77) und der Vertreter Glöckels, Sektionschef Carl Kelle78), auf einer Verta­gung insistierten, willigte Mayr ein und brachte die Angelegenheit we­nige Tage später erneut in Verhandlung. Allerdings konnte auch dies­mal keine Einigung erzielt werden, zumal weder Glöckel noch Mayr von ihren konträren Standpunkten bezüglich des wissenschaftlichen Charakters der Archive und damit der ressortmäßigen Zuordnung abrücken wollte79). Mit Rücksicht auf die brisante Situation des Kriegs- archives regte Renner deshalb an, ohne Präjudiz für die endgültige Re­gelung, diese Institution vorläufig der Staatskanzlei zu unterstellen, da die unmittelbar betroffenen Staatsämter für Heerwesen und für Finan­zen80) ohnehin keinen Wert auf eine Übernahme legen würden. Im übrigen gab er zu bedenken, daß die definitive Zuteilung des Archivwe­sens davon abhänge, „welche Stellung die künftige Verfassung der Staatskanzlei zuweise“81). Die Intensität und das unverdrossene Engagement, mit dem der Archi­var und Politiker Michael Mayr auch in den folgenden Monaten seine Pläne zugunsten einer grundlegenden Reformierung des österreichi­schen Archivwesens zu realisieren trachtete, entsprang nicht allein sei­ner inneren Überzeugung über die absolute Notwendigkeit eines derar­tigen administrativen Schrittes, sondern mehr noch dem Wissen um die einmalige Gelegenheit, nunmehr selbst in politisch höchst einflußrei­cher Position ein jahrzehntelang reklamiertes Verwaltungsdefizit zu be­76) AdR, Kabinettsrats-Protokolle, Karton 29, Protokoll Nr. 208 vom 30. Juli 1920. 77) Zu Julius Deutsch (1884-1968) siehe Anton Staudinger Julius Deutsch in Neue Österreichische Biographie 20 Wien/München 1979 50-58; Richard Berczeller Julius Deutsch in: Norbert Leser/Richard Berczeller (Hrsg.), Als Zaungäste der Politik. Österrei­chische Zeitgeschichte in Konfrontationen, Wien/München 1977 202-213; Hans Schroth in Archiv. Mitteilungsblatt des Vereins für Geschichte der Arbeiterbewegung 7/4 (1967) 95 f. und 8/2 (1968) 58 f. 78) Carl Kelle (1859-1935) war zu diesem Zeitpunkt Chef der Mittel- und Hochschul­sektion im Ministerium des Innern. Vgl. ÖBL Band 3, Graz/Köln 1965, 286. 79) Vgl. Kabinettsrats-Protokolle, Karton 29, Protokoll Nr. 210 vom 5. August 1920. 80) Namens des Militär-Liquidierungsamtes. 81) Kabinettsrats-Protokolle, Karton 29, Protokoll Nr.210 vom 5. August 1920. 209

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