Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 41. (1990)

KUPRIAN, Hermann J. W.: „ …damit auch die Begabteren in Hinkunft dem Archivdienste treu bleiben…“. Ein Beitrag zur Geschichte des österreichischen Archivwesens 1892–1923

Hermann Kuprian über Staatskanzler Renner mit dem ausdrücklichen Hinweis darauf, daß „das gesamte Archivwesen eine Angelegenheit darstelle, welche ver­möge des vornehmlich wissenschaftlichen Charakters der Archive aus­schließlich in den Wirkungskreis des Unterrichtsamtes falle“67). Nach­dem auch die gesamte Wissenschafts- und Kunstpflege, Universitäten, Bibliotheken, Museen, Forschungsinstitute und nicht zuletzt das Institut für Österreichische Geschichtsforschung, jene „Pflanzschule für die Heranbildung künftiger Archivare“, bis zu diesem Zeitpunkt dem Un­terrichtsamt unterstanden, war es für Glöckel nicht einzusehen, daß das Archivwesen selbst „an einer anderen Staatsstelle seine maßgeben­den Richtlinien empfinge.“ Sollten indes die Archive „entsprechend dem Range und dem Wirkungskreise, den sie in den anderen Kultur­staaten bereits einnehmen, künftighin auch in Oesterreich mehr als bisher aus dem Stadium von bloßen Hilfsorganen der Verwaltung her­ausgehoben und unter stärkerer Betonung ihrer historisch-wissen­schaftlichen Aufgaben in erster Linie zu Forschungsinstituten für die Staats- und Verwaltungsgeschichte, für die Volkswirtschaft und Stati­stik, für die Kunst- und Kulturgeschichte ausgestaltet werden,... so ist es einleuchtend, daß ihr Platz nur an der Seite der übrigen wissen­schaftlichen Institute im Rahmen des Unterrichtsamtes sein kann; denn nur in diesem Falle ist ihre harmonische Eingliederung in den übrigen Wissenschaftsbetrieb und damit die Steigerung zur möglichsten Höchstleistung auf allen jenen Gebieten, die aus den Archiven befruch­tet werden, gewährleistet.“68) Trotz dieser kompetenzrechtlichen Vorbehalte des Innenressorts bean­tragte Staatssekretär Mayr am 16. Juni 1920, nur wenige Tage nach dem folgenschweren Bruch der Koalition69), im Kabinettsrat die Neurege­lung des Archivwesens unter folgenden Gesichtspunkten70): gung. Vorgeschichte der Schulreform Glöckels phil.Diss. Wien 1981; Rudolf Neck Karl Seitz und seine Mitarbeiter in 1000 Jahre Österreich Band 3, Wien/München 1974, 274- 291 (hier besonders 282ÍT.); ÖBL Band 2, Graz/Köln 1939 8f. 67) AdR, Staatskanzlei BKA/alt, Karton 76, ZI. 946/26 (liegt bei ZI. 280/1921), Glöckel an Renner vom 14. April 1920. 68) Ebenda. 69) Die Ursachen und Hintergründe des Koalitionsbruches finden sich eingehend dargestellt bei Friedrich Rennhofer Iganz Seipel. Mensch und Staatsmann. Eine biogra­phische Dokumentation, Böhlaus zeitgeschichtliche Bibliothek 2, Wien/Köln/Graz 1978, 198-213\ Koalitionsregierungen in Österreich. Ihr Ende 1920 und 1966 Wissenschaftliche Kommission zur Erforschung der Geschichte der Republik Österreich, Veröffentlichun­gen Band 8, Wien 1983; Kokalj Konzentration 273-296. 70) AdR, Kabinettsrats-Protokolle, Karton 26, Protokoll Nr. 192 vom 16. Juni 1920. 206

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