Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 39. (1986)

AUER, Leopold: Historische Friedensforschung (Literaturbericht)

450 Literaturberichte Befreiungskampf vermissen. Auch gegen die Befreiungsversuche der Magyaren sprach sich die bürgerliche Presse aus und erwartete das blutige Ende des ungarischen Revolutionskrieges, der nach der Niederlage der Revolution in Mittel- und Westeuropa zum „letzten Hoffnungsanker“ der deutschen Demo­kraten geworden war. Um anzudeuten, wie sehr die Aussagen der von Z. vorgelegten Studie beachtet werden sollten, sei daran erinnert, daß der Chefredakteur der in Köln erschie­nenen Neuen Rheinischen Zeitung Karl Marx war und Friedrich Engels für dieses Blatt vor allem österreichische Probleme bearbeitete. Den hohen Stel­lenwert, den Österreich für die Sache der Revolution einnahm, kennzeichnete am 26. Mai 1848 die Trier’sche Zeitung: „Wien ist die reifste Stadt in Deutsch­land, Wien hat den Donnerschlag von Paris am reinsten, raschesten und bestimmtesten fort gepflanzt, und unsere Wiener Brüder verdienen den laute­sten Zuruf, den ungeteiltesten Jubel aller Freiheitsfreude“. Günter Düriegl (Wien) Michael John Wohnverhältnisse sozialer Unterschichten im Wien Kaiser Franz Josephs (Ludwig Boltzmann Institut für Geschichte der Arbeiterbewegung: Materialien zur Arbeiterbewegung 32). Europaverlag, Wien 1984. 266 S., 10 Abb., 61 Tabellen. Nicht selten passiert es, daß eine Studie aus einem zu engen Blickwinkel heraus in sich so geschlossen gerät, daß die Problemstellungen und Anliegen des Autors nur verschwommen sichtbar werden. Dabei gibt es nicht viele Themen, die mit so viel Aktualitätsbezug und gesellschaftspolitischer Relevanz geladen sind wie die vom Ludwig Boltzmann Institut herausgegebene Studie von Michael John über „Wohnen“ im franzisko-josephinischen Wien. Immerhin stammt ein Drittel des heutigen Wiener Wohnbestandes aus der Zeit vor 1919, im Jahr 1971 war es sogar noch mehr als die Hälfte. Als Einstieg wohl Grund genug für die berechtigte Forschungsintention, auch einmal den Lebensbereich „Wohnen“ während der Habsburgermonarchie genauer unter die Lupe zu nehmen. Dazu kommt noch die erst vor kurzem von den Historikern entdeckte Vorliebe für die Alltagsgeschichte sozialer Unterschichten, die das wissen­schaftliche Engagement wiederholt in die Nähe der Arbeitergeschichte rückt. Leider fühlt sich der Vf. erst im Mittelteil seiner Ausführungen (S. 82) zum wohl kaum vermeidbaren Versuch genötigt, zum besseren thematischen Ein­stieg ein Schichtungsmodell im Sinne einer Gesellschaftsstrukturierung zu entwerfen. Zu potentiellen Mitgliedern der sozialen Unterschicht als Zielgrup­pe seiner Untersuchung zählt der Vf. neben subalternen Beamten, Facharbei­tern, Arbeitern, Dienstboten und Taglöhnern auch Lumpenproletarier, Arme und Arbeitslose. Den Anspruch seines Modells wiederum in Frage stellend, hatte der Vf. noch einige Seiten vorher angemerkt, daß er „Schicht“ nicht als Gegensatz zur Strukturierung der Gesellschaft in „Klassen“ verstanden wissen möchte, sondern dieser Begriff „lediglich nach dem Kriterium der Brauchbar­keit für einen Forschungsgegenstand ausgewählt“ (S. 77) wurde. Ob so vieler theoretischer und wissenschaftlicher Logik erstarrt auch die soziale Lebendigkeit des Bereiches „Wohnen“ zu einem wirtschaftlich „pro­duktiven“ Zustand, dessen Kosten durch Bedingungen wie Lohnentwicklung, Lebensmittelpreise und Mieten schwankten und nach Aussage eines zeitgenös- _ sischen Experten während des gesamten Untersuchungszeitraumes statistisch rund 25 Prozent des Haushaltsbudgets ausmachten.

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