Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 39. (1986)

MIKOLETZKY, Lorenz: „Der Bauern Gott, der Bürger Not, des Adels Spott liegt auf den Tod“. Kaiser Josephs II. langes Sterben aus eigener und fremder Sicht

22 Lorenz Mikoletzky Die Wiener Zeitung setzte am 18. April die Bevölkerung von diesem Ereignis in Kenntnis, wobei die Nachricht nicht nur allgemeine Beunruhigung hervorrief, wie vielleicht zu erwarten gewesen, sondern teilweise auch Vorfreude auf ein baldiges Ableben des Kaisers30): „In der Nacht vom 13. zum 14. d. M. befiel S. Maj. den Kaiser plötzlich ein starker Husten mit Blutauswurf; doch den folgenden Tag brachte Se. Maj. ruhig und einigermassen erleichtert zu. Den 15. stellte sich der Blutauswurf wieder ein, und war stärker, als das erste Mahl. Da solche Rückfälle eintreten könnten, haben Se. Maj. am 16. früh das heil. Abendmahl öffentlich zu empfangen verlangt. Der feyerliche Zug ging um halb 10 Uhr aus der Burgpfarrkirche, unter Paradierung aller Leibgarden, nach Sr. Maj. Gemach. I.I. K.K.H.H., alle Minister, geheimen Räthe, Kämmerer und Truchsesse, wie auch alle Damen und viele andere Personen vom Hofstaate begleiteten mit brennenden Wachsfak- keln das Hochwürdige, welches durch den Burgpfarrer getragen wurde, der auch die Speisung verrichtete. An diesem Tage wurden die Schauspiele und öffentlichen Lustbar­keiten abgestellt, und in allen Pfarrkirchen und vor der Stadt sind unter Aussetzung des Hochwürdigen, für Sr. Maj. Erhaltung durch drey Tage öffentliche Gebethe gehalten worden. Vom 16. zum 17. hatten Se. Maj. eine ruhige Nacht, und des Morgens zeigten sich die Umstände der Krankheit um ein merkliches besser. Diese Erleichterung hielt gestern den ganzen Tag an, die Nacht war ruhig, und Se. Maj. befanden sich heute Morgen durch den Schlaf sehr erquicket“. „Des Kaisers Maj. haben den 18. ohne Beschwerde zugebracht; die Zufälle der Krankheit nahmen seit dem allmählig ab, der Schlaf wird ruhig und wenig durch Husten unterbrochen, und auch sonst zeigt sich in jeder Rücksicht die allgemein gewünschte Besserung“31). Nach der Meinung von Noailles ist der Zustand des Kaisers sehr bedenklich, was ihm auch ein Arzt erklärt habe. Sollte er sich schonen, so könnte man ihm noch zehn Jahre geben, bei seinem Verhalten jedoch wäre nur mit drei Jahren Lebenserwartung zu rechnen. Ende März berichtet er nach Paris, daß die Lungen Josephs sehr angegriffen seien und man die Herzbeschwerden ver­nachlässigten Krankheiten zuschreibe. Soweit der Botschafter Einblick hätte, spräche man bei der Behandlung eher nur von lindernden als von heilenden Mitteln32). Dabei wäre eben jetzt ein gesunder Monarch nötig gewesen: Die Revolution in den österreichischen Niederlanden stand unmittelbar bevor (Juni), die Unruhen in Frankreich und die Mißstimmung in Ungarn gegen das Reformwerk wuchsen. Joseph litt doppelt, wie aus den Briefen dieser Tage hervorgeht. Die Folgen des schweren Blutsturzes hielten an, aber „les crachemens de sang ne sont plus revenus“ und „la nuit passée a été bonne, et le pouls est aussi bon“, wie Joseph am 18. April seinem Bruder mitteilte33). „Je ne bois que de la creme d’orge et du bouillon“ (20. April), aber nicht allein auf Grund dieser minimalen Ernährung kam die Mitteilung: „Je suis trés-affaibli et ne puis rester qu’une couple d’heures encore hors du lit. Quant ä ma maigreur, eile est extraordinaire 30) Vgl. Friedrich Engel-Jánosi Josephs II. Tod im Urteil der Zeitgenossen in MIÖG 44 (1930) 324 - 346. 31) Wiener Zeitung nn. 31 und 32 von 1789 April 18 und 22. 32) Rauscher Außenpolitik 162. 33) Arneth Joseph und Leopold 2 238.

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