Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 39. (1986)

MIKOLETZKY, Lorenz: „Der Bauern Gott, der Bürger Not, des Adels Spott liegt auf den Tod“. Kaiser Josephs II. langes Sterben aus eigener und fremder Sicht

20 Lorenz Mikoletzky Mitte November 1788 verließ Joseph den Kriegsschauplatz. Es wurde keine direkte Heimfahrt, es war noch eine Inspektionsreise vorgesehen, sodaß der Weg über Peterwardein, Esseg, Pest, Buda und Preßburg nach Wien führte. Am Samstag, dem 6. Dezember, meldet die Wiener Zeitung: „Des Kaisers Maj. sind gestern Mittags nach 1 Uhr in erwünschten Wohlseyn in der hiesigen K. K. Hofburg eingetroffen“19). Der französische Botschafter Emmanuel Marquis de Noailles berichtet nach Paris, daß der Kaiser zwar abgemagert und müde sei, aber keineswegs so verändert wäre, wie man behauptet hätte; einige Tage später hieß es, daß Joseph sich trotz der in Wien herrschenden Kälte wohl befinde und in die übliche Gesellschaft zur Fürstin Liechtenstein ginge20). Seinem Bruder teilt der Kaiser mit, „ma santé a été jugée ici par Störck et Brambilla“21), was bedeutet, daß seine beiden Leibärzte unmittelbar nach des Kaisers Rückkunft eine totale Untersuchung vomahmen: „ ... je dois prendre le matin du Iáit de chévre et bőire une décoction de Salep, tout cela pour ma poitrine dönt la respiration n’est pas libre, et avec un peu de mouvement que je me donne, je resens tout de suite des battemens de coeur“22). Ende des Monats erkrankte Joseph neuerlich, die Strapazen des Türkenkriegs, die allenthalben in Europa (Niederlande, Frankreich) beginnenden Krisen und vor allem das Scheitern vieler seiner Ideen untergruben zusätzlich den labilen Gesundheits­zustand. „Je ne vous ai pás écrit lundi passé, ayant été incommodé et alité d’une fiévre et pointe de cöté qui m’avait pris. Je me suis lévé aujourd’hui la premiére fois, pour entendre la messe dans ma chambre. Comme la pointe est passée au cőté, la fiévre presque aussi, mais qu’il me reste une expectoration assez forte, et cela de matiére fort tenace, que les poumons, surtout le gauche auprés du coeur, sont fort affaiblis, on m’oblige ä un grand et long régime... “23). Die Neujahrsgala bei Hof mußte abgesagt werden, der Kaiser arbeitete jedoch ebenso weiter, wie bisher: „Je n’ai pas besoin de dire que Sa Mté, sóit debout, sóit couchée, ne cesse de s’occuper d’affaires“ schrieb der französische Resi­dent am 27. Dezember 178824). „Während des ganzen Jahres 1789 führte der Kaiser ein jammervolles Dasein. Er verließ kaum das Bett, Malaria und Tuberkulose verursachten ihm unsägli­che Qualen“, was auch auf seine Psyche Auswirkungen zeigte; der sächsische Botschafter am Wiener Hof sah sehr richtig die Gefahr, wenn er feststellte: „Andere wiederum, die über den körperlichen und seelischen Zustand des 19) Wiener Zeitung n. 98 von 1788 Dezember 6. 20) Vgl. Carl August Rauscher Die Außenpolitik Kaiser Josephs II. (1780-1790) und ihre internationalen Zusammenhänge im Spiegel der französischen Botschafterberichte (Ungedr. phil. Diss., Wien 1951) 129. 21) Arneth Joseph und Leopold 2 211. 22) Ebenda. 23) Arneth Joseph und Leopold 2 215 f. - Auf seinem Totenbett soll er dem Prinzen von Ligne gesagt haben: „C’est vortre pays qui m’a tűé. La perte de Namur fut mon agonie, et la perte de Bruxelles ma mort“: Francois Fejtő Un habsbourg révolutionnaire Joseph II. Portrait d’un despote éclairé (Paris 1953) 314. 24) Rauscher Außenpolitik 129.

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