Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 39. (1986)
MIKOLETZKY, Lorenz: „Der Bauern Gott, der Bürger Not, des Adels Spott liegt auf den Tod“. Kaiser Josephs II. langes Sterben aus eigener und fremder Sicht
18 Lorenz Mikoletzky keit klagen mußte, hat ihn gerade diese Krankheit psychisch sehr hergenommen, und noch am 15. Februar 1787 kommt er letzten Endes auf sie zurück, wenn er an Katharina II. schreibt: „L’amour propre, ce sentiment qui ne quitte jamais l’homme, m’engage cependant ä ne pás cacher á V. M. I. que le comte de Falkenstein Lui paraitra fort dégradé en partié par le laps du temps. Une perruque couvre sa tété... “7) Die allerletzte Phase seiner Leiden ist eng mit dem letzten Krieg des Hauses Habsburg gegen die Osmanen verbunden8), an dessen ersten Kämpfen Joseph längere Zeit persönlich teilgenommen hat. Auf Grund eines 1781 mit Rußland geschlossenen Verteidigungsbündnisses, „das sich nach dem Willen der Russen in erster Linie gegen die Türken richten sollte, während der Kaiser der Meinung war, es sei für ihn und seine Länder vor allem wegen der Rivalität zu Preußen wichtig“9), erklärte auch Österreich am 9. Februar 1788 der Pforte den Krieg. Joseph verließ kurz darauf Wien und reiste zur Armee. Auf diesem Feldzug in der heißen und sumpfigen Gegend von Sémiin, an dem er bis zum Spätherbst teilnahm, holte sich Joseph noch weitere Krankheitskeime, die letztlich sein langes Dahinsiechen verursachen sollten. Er wohnte in einem kleinen Gasthof, die Nächte waren kalt und am Tag herrschte große Hitze. Zahllose Stechmücken übertrugen Malaria in die Armee und eine Ruhrepidemie tat übriges. An den kommandierenden General der Niederlande, d’Alton, schrieb Joseph am 18. Juli unter anderem: „Von hier kann ich Ihnen nichts anderes melden, als daß wir täglich den Fliegen den kleinen Krieg ankündigen, und jeder schützt sich soviel wie möglich gegen die Fieber und die Diarrhöe“10). Vom Sommer 1788 bis zum Frühjahr 1789 erkrankten 172.000 Soldaten, von denen 33.000 starben. Joseph selbst war schon durch das Klima erschöpft, aß wenig und saß meist bis Mitternacht über seinen Papieren, mußte er doch alle Depeschen und Berichte, die von Wien kamen und dorthin abgingen, selbst erledigen, wie er es aus der Hofburg gewohnt war. Die Erschöpfung wurde noch durch den in den letzten Jahren stärker gewordenen Husten, die Atembeschwerden und den bisweilen sehr starken Schleimauswurf verstärkt: die ersten Anzeichen seiner Erkrankung an Lungentuberkulose. Dazu kam immer wieder vermehrte Herztätigkeit. An seinen Staatskanzler schrieb er in dieser Zeit: „Ich lebe streng Diät, nehme nur Bittersalz und schwarzen Tee zu 7) Joseph und Katharina von Russland 283. 8) Vgl. dazu Paul P. Bernard Austria’s last Turkish War: Some further thoughts in Austrian History Yearbook 1985 (im Druck). - Ursprünglich war dieses Thema als Festschrift-Beitrag gedacht. Dank des Hinweises von Prof. Bernard auf seine Arbeit konnte, wenn auch sehr spät, eine Änderung vorgenommen werden. Die vorliegenden Zeilen sind als Überlegungsansätze für eine spätere größere Abhandlung gedacht. 9) Karl Gutkas Kaiser Josephs Türkenkrieg in Österreich zur Zeit Kaiser Josephs II. Mitregent Kaiserin Maria Theresias, Kaiser und Landesfürst (Katalog des Niederösterreichischen Landesmuseums N. F. 95, Wien 1980) 271. 10) L. Wiener Kaiser Josef II. als Staatsmann und Feldherr. Österreichs Politik und Kriege in den Jahren 1763 bis 1790; zugleich Vorgeschichte zu den Kriegen Österreichs gegen die französische Revolution in Mittheilungen des K. K. Kriegs-Archivs 1885 108.