Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 38. (1985)
LAUBACH, Ernst: „Nationalversammlung“ im 16. Jahrhundert. Zu Inhalt und Funktion eines politischen Begriffes
.Nationalversammlung“ im 16. Jahrhundert 45 dessen von einer „nationalen Versammlung“ gesprochen hat 258 259 260). Es ist anzunehmen, daß die Krone durch diese andere Bezeichnung des Versuchs, den Konflikt mit den Hugenotten auf nationaler Ebene theologisch zu überwinden, nicht nur der klaren Ablehnung eines Nationalkonzils seitens vieler französischer Bischöfe entgehen wollte, sondern auch Freiraum zu gewinnen hoffte gegenüber Präjudizierungen von Kompetenzen und Modalitäten, die durch jenen Begriff gegeben sein mochten. Haften geblieben ist der Name „assemblée nationale“ an der Tagung von Poissy nicht. Ausstrahlungen von Frankreich ins Reich mit der Folge einer Erneuerung der Idee der Nationalversammlung“ sind, soweit ich sehe, kaum zu registrieren. Im Oktober 1560 ließ Kaiser Ferdinand, der auch gegen die Kon- tinuation des Tridentinums war und für die Ansetzung eines neuen Konzils eintrat, den Papst darauf hinweisen, daß der Gedanke an ein „concilium nationale“, das unter seinem persönlichen Vorsitz weltlichen und geistlichen Ständen Stimmrecht und volle Meinungsfreiheit einräume, noch lebendig sei und durch das französische Projekt Auftrieb erhalte; es werde als geeignete Vorbereitung, nicht etwa als Behinderung eines Generalkonzils betrachtet, sofern der Papst sich dessen Beschlüssen unterwerfe; er persönlich wolle indessen eine solche Veranstaltung weder verlangen noch gutheißen 258). In dieser Charakterisierung sind noch einige ursprüngliche Elemente der .Nationalversammlung“ enthalten. Ferdinand verwertete dabei einen Bericht seines Rates Zasius über Gespräche mit Christoph von Württemberg und Kurfürst Friedrich von der Pfalz, in denen ersterer seine Vorstellung von der Überwindung der religiösen Gegensätze durch eine persönliche Zusammenkunft der Reichsstände unter Beratung durch ihre Theologen noch einmal erläutert hatte; zur Bekräftigung der Forderung, auch die Geistlichen müßten ohne jede Bindung diskutieren können, hatte er auf das französische Projekt verwiesen, an dem die sonst noch enger an Rom gebundenen französischen Prälaten teilnehmen würden 26°). Zasius hat Christophs Vorschlag mit „National Concilium“ bezeichnet; welchen Terminus der Herzog gebraucht hat, muß offen bleiben. Diese Gespräche dürften auch den Hintergrund einer Meldung des spanischen Botschafters am Wiener Hof darstellen, die protestantischen Stände „am Rhein“ planten für den Fall der Fortsetzung des Tridentinums wie 258) Ebenda 227 (die dort zitierte Quelle war mir nicht zugänglich). 259) Ferdinand an Prosper Graf Arco, 1560 Oktober 31, in Theodor E. von S i c k e 1 Zur Geschichte des Konzils von Trient 1559—1563. Aktenstücke aus österreichischen Archiven (Wien 1872, ND Aalen 1968) 125 f. 260) Bayerisches Hauptstaatsarchiv München Kurbayern Äußeres Archiv 2046 fol. 420—422: Zasius an Kaiser Ferdinand, 1560 Oktober 4 Stuttgart (Kopie), bes. 422rv; Auszug bei Goetz Landsberger Bund 205 f.