Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 38. (1985)

MIKOLETZKY, Lorenz: Zehnter Internationaler Archivkongreß Bonn 1984

Plädoyer für die Kulturgeschichte 431 sein werde, „denn er türmt hohe Ansprüche für denjenigen auf, der eine solche Biographie doch wagen sollte“ 21). Grundsätzlich ist zur Theoriediskussion zu bemerken, daß die Historiker durch die Erfahrungen anderer Wissenschaftler zu etwas mehr Zurück­haltung der strengen Methodik gegenüber ermahnt werden sollten. Selbst die angeblich so exakten Naturwissenschaften können einige ihrer we­sentlichen Prinzipien nur mit jeweils wechselnden Hypothesen erklä­ren22). Am eindringlichsten beschwört diese Gefahr Paul Feyerabend, der selbst aus der naturwissenschaftlich-erkenntnistheoretischen Sparte kommt: „Es bedarf nur einiger wohlgezielter Bemerkungen, um beim auf­geklärtesten Publikum die Angst vor dem Chaos und die Sehnsucht nach einfachen Regeln und Dogmen zu wecken, denen sie folgen können, ohne ständig nachdenken zu müssen“23). In der Tat gibt es auch genug Anleitungen zur Geschichtsforschung und -Schreibung, die große Ähnlichkeit mit Kochrezepten oder auch mit den Anleitungen zum Selbstschneidern der Garderobe haben und wie diese der jährlich wech­selnden Mode unterworfen sind24). Man sucht einander bei der Aufstel­lung neuer „Modelle“ zu überbieten, die als Muster für viele „Fallstu­dien“ dienen können. Hauptgrund für eine dermaßen unkritische Ehr­furcht gegenüber aller Methodik und deren Vokabular ist wohl die Do­minanz der Soziologie in allen Wissensbereichen. II Es gibt wohl in allen Sparten und Epochen der Wissenschaftsgeschichte Wege der Forschung, die zu Trampelpfaden werden. Gegenwärtig mar­schieren Vertreter aller geisteswissenschaftlichen Disziplinen einträchtig hinter den Soziologen her. Für die Politik der Gegenwart sind die Fragen der Gesellschaftsordnung so wesentlich geworden, daß man mit diesen heutigen Fragestellungen auch an die Vergangenheit herantritt25). Da­gegen ist auch weiter nichts zu sagen. Verdächtig wird die Sache erst, wenn die Historie „ihre Konversion zur Sozial Wissenschaft als Selbstauf­gabe, als ein Sich-Herabsetzen zur Hilfswissenschaft anderer Wissenschaf­ten befürchten“ 26) muß. Diese Gefahr droht aus zweierlei Ursachen: ein­mal, weil ihre Vertreter kein Vertrauen mehr in ihre eigene Wissenschaft 21) Rezension von Volker Press in MÖStA 36 (1983) 537 zu Heinrich Lutz Karl V. — Biographische Probleme in Biographie und Geschichtswissen­schaft (Wiener Beiträge zur Geschichte der Neuzeit 6, Wien 1979) 151—182. 22) Paul Feyerabend Naturphilosophie in Das Fischer Lexikon. Philo­sophie. Hg. von Alwin Diemer und Ivo Frenzei (Frankfurt/Main 1958) bes. 205. 23) Feyerabend Wider den Methodenzwang 238. 24) Henri-Irénée M a r r o u L'epistémologie de l’histoire en France aujourd’hui in Denken über Geschichte (Wiener Beiträge 1) 109. 25) Otto V o s s 1 e r Geschichte als Sinn (Frankfurt/Main 1983) 34. 2«) Jörn R ü s e n Für eine erneuerte Historik in Denken über Geschichte (Wiener Beiträge 1) 234.

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