Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 38. (1985)

HEPPNER, Harald: Pazvandoglu – Ein Prüfstein der habsburgischen Südosteuropapolitik im Jahre 1802

352 Harald Heppner Es fällt auf, daß die Türken Rußland gleichfalls den Vorschlag machten, Pazvandoglu ins Exil zu übernehmen, und daß Rußland die Skepsis ge­genüber dieser Idee mit Österreich teilte21). Tomara kam der türkischen Bitte um Vermittlung jedenfalls sogleich nach, aber offenbar mit größe­rem Bedacht auf Geheimhaltung, denn die russische Diplomatie hatte sehr rasch vom Eintreffen Honigs in Vidin erfahren, wogegen in den (soweit noch vorhandenen) österreichischen Berichten von der zeitweiligen An­wesenheit eines russischen Konfidenten bei Pazvandoglu keine Rede ist22 23). Rußland hatte bei der Lösung des Problems nicht nur den Vorteil des legalen Rechts (Schutzkompetenz betreffend Moldau und Walachei2S) und der türkischen Bitte um Mithilfe, sondern auch den Vorsprung durch die Kontakte zu dem Vidiner Pascha selbst, von denen naturgemäß weder den Türken noch den Österreichern etwas bekannt war24). Diese Kontak­te liefen über geheime Kanäle — über echte oder vermeintliche Kauf­leute, die in Vidin ein- und ausgingen, über den orthodoxen Erzbischof von Vidin, Calinic, und über das russische Konsulatspersonal in Bukarest und Ia§i25). Rußland ließ Pazvandoglu wissen, er solle seine Truppen rasch zurückziehen, die Fürsprache seiner Begnadigung sei ihm nämlich gewiß 26). Da sich Osman Pascha im Prinzip dazu bereit erklärte, sobald die Begnadigung erteilt sei, wandte sich die zaristische Diplomatie hin­fort vor allem der Neuregelung für die Walachei und Moldau zu, die den Zweck haben sollte, stabilere Verhältnisse zu schaffen, und überließ die weiteren Verhandlungen mit Pazvandoglu einem Vertrauten des neuen walachischen Fürsten27). Österreich hielt, die veränderten Umstände offensichtlich nicht kennend, an der Fiktion fest, durch die Verhandlungen seines Vertreters Honig in Vidin die Vermittlung zur Pforte tatsächlich herstellen zu können. Dies ist wohl vor allem darauf zurückzuführen, daß die Berichte Honigs, die nach Wien gelangten, zuversichtlich klangen28), aber auch darauf, daß man den — scheinbar effektiven — Ball der Beeinflussungsmöglichkeit nicht 21) Malinqvskij an Kocubej, 1802 Juni 13: HUR 4 381. 22) Tomara an Malinovskij, 1802 Juni 15: HUR 4 383—384; Malinovskij an Kocubej, 1802 Mai 9: ebenda 368; desgleichen 1802 Juli 16: ebenda 403. 23) Rußland erhielt dieses Schutzrecht von der Pforte erstmals 1774; be­stätigt wurde es im Frieden von Ia?i 1792. 24) Siehe Anmerkung 29. 25) Siehe die russischen Akten von 1802 in HUR 4 passim. 26) Malinovskij an Kocubej, 1802 Juni 11: HUR 4 387 f. 27) Russische Informativnote vom 1.—8. Juli 1802 als Beilage zum Bericht Malinovskijs an Kocubej, 1802 Juli 22: HUR 4 408. Das Resultat der russischen Politik waren die zwei Hatt-i serif’s vom 24. September 1802 zugunsten der Moldau und Walachei. 28) Vortrag an den Kaiser 1802 Juni 20: HHStA StK Vorträge 164; B 1802 Juli 10 P. S. 4: HHStA StA Tű II 128; W 1802 Juli 16: ebenda 130. Bedauerlicher­weise sind bis auf einen die Originalberichte Honigs im Kriegsarchiv nicht mehr erhalten.

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