Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 38. (1985)

HEPPNER, Harald: Pazvandoglu – Ein Prüfstein der habsburgischen Südosteuropapolitik im Jahre 1802

348 Harald Heppner Zeit heftigen Widerstreits zwischen Tradition und Fortschritt innerhalb des Osmanischen Reiches, einer Zeit der Willkür und schamlosen Erpres­sungen des Volkes durch die Machtgier lokaler Größen, der militärischen Ohnmacht und daher der mangelnden Selbstsicherheit der türkischen Re­gierung. Hajek bezeichnet den machtvollen Herrn von Vidin treffend als einen „schlauen und geschickten Diplomaten“ und ebenso „einen tüchtigen Strategen“s). Wenn er sich auch gegen die Umrüstung des türkischen Heeres nach westlichem Zuschnitt wandte, sollte er nicht so sehr als er­bittert Widerstand leistender, konservativer Rebell angesehen werden, sondern eher als gewiegter Politiker, der es verstand, auf dem schmalen Grat zwischen zeitweiliger Loyalität zum Sultan und Auflehnung gegen die brüchig gewordene Staatsgewalt geschickt zu lavieren, um sich eine ansehnliche Machtposition zu verschaffen, die vom Belgrader Paschalik bis tief nach Rumelien hinein reichte. Sein Name war in den Jahren vor und nach 1800 in aller Munde, seine in die Tausende gehenden Streit­scharen der Schrecken der Bulgaren und Rumänen. Mehrmals hatte die Pforte versucht, ihm beizukommen — durch kriegerische Mittel und durch versöhnende Pardonierung; trotzdem blieb er der unbequeme Untertan, der durch seine Taten die Autorität des Sultaqs verhöhnte. Dieses sein Verhalten stieß bei den europäischen Mächten, insbesondere bei Österreich und Rußland, auf Ablehnung, nicht nur, weil Pazvandoglu (neben anderen) die anarchischen Zustände im osmanischen Bereich leb­haft vor Augen führte, sondern auch, weil sein Treiben eine unberechen­bare Variable im Machtkalkül darstellte. Der Wiener Hof fühlte sich durch Osman Pascha besonders wegen zweier Motive irritiert, weil näm­lich die unstabilen Verhältnisse an der unteren Donau 1. die Gefahr eines Wieder auf rollens der Orientfrage und damit Unsicherheit an der „Ost­front“ bedeuteten (während im Westen verlustreiche Kämpfe tobten) und 2. den endlich wieder in Gang gekommenen Orienthandel entlang der Donau empfindlich störten, dem als teilweisem Ersatz für vermindertes politisches Engagement seit dem Sistower Frieden ein vornehmliches Augenmerk galt * 3 4). Wien war daher lebhaft daran interessiert und auch tätig gewesen, der Pforte bei der Beseitigung dieses Übels die Hand zu reichen, ohne dabei allerdings mit zuviel Eifer ans Werk zu gehen; denn die wegen ihrer Unsicherheit stets schwankende und mißtrauische türki­sche Regierung sollte nicht vor den Kopf gestoßen werden. Eine Befrie­dung Rumeliens lag ebenso im Interesse Rußlands — in seiner Eigen­schaft als Großmacht, die generell ihre Dominanz gegenüber der Pforte gen Kornrumpf Pazvandoglu in Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas 3 (München 1979) 419—420. 3) Hajek Bulgarien 76. 4) Harald Heppner Österreich und die Donaufürstentümer 1774—1812. Ein Beitrag zur habsburgischen Südosteuropapolitik (Graz 1984, im Druck) 80— 83.

Next

/
Oldalképek
Tartalom