Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 38. (1985)

HUMMELBERGER, Walter: Kronprinz Rudolfs Prager Jahre 1878–1883. Ein unveröffentlichtes Manuskript Oskar Freiherr von Mitis'

Kronprinz Rudolfs Prager Jahre 1878—1883 295 Herren. Der Cardinal an der Spitze, neben ihm Carlos Auersperg^ beides schöne Erscheinungen. Das Ganze war ein Bild, eine Würde lag im Ganzen, die wohl tat! ... Ich fange an, serbisch zu lernen. Hoffe es bald recht weit zu bringen 7H).“ Rudolf war übrigens auch in Prag noch bestrebt, — und es zeugt dies von dem Wunsch, in die tschechische Psyche immer tiefer einzudringen — seine sprachlichen Kenntnisse zu erweitern. Er hörte von dem Universi­tätsprofessor Dr. Martin Hattala Vorträge über slavische Philologie. Aus eigenen Mitteilungen des Kronprinzen wissen wir, daß er diesen als einen ausgezeichneten Fachmann schätzte und mit ihm wohl auch viel über Politik sprach, obwohl er ihn als „nationalen Fanatiker“ und als einen intimen Freund des russischen Pfarrers in Prag bezeichnete 17). Der Kronprinz bewies damit das regste Interesse für die nationale Frage, und es ist sicher, daß er in der ersten Zeit seines Prager Aufenthaltes geradezu Slavophil gesinnt war. Er schreibt einmal ausdrücklich: „Daß ich für den größten Teil der Bevölkerung unserer Monarchie, für alle Slaven, große Sympathien habe, erkläre ich ganz offen 18).“ Es ist kein Zweifel, daß er für die Sympathiebezeugungen der Tschechen aufrichtig empfänglich war. Aus Lodenic aH) schreibt er am 24. Juni 1880: „Der Marsch Samstag von Prag hierher glich einem Triumphzuge. Die Mannschaft wurde von der Landbevölkerung mit Rosen geschmückt. Vor die Füsse von meinem Pferd wurden in allen Dörfern Blumen gestreut. Triumphbögen mit den patriotischesten Inschriften standen allenthalben. Hier bei Lodenic war in großen Buchstaben auf böhmisch aufgeschrieben: ,Die dankbare Nation ihrem Kronprinz.* Das frappierte mich, ich weiß nicht, von welchem Standpunkt die Leute mich jetzt auf fassen.“ Wenn damals die Auffassung der tschechischen Nation dahingehen konnte,, daß in dem Kronprinzen ein Mann gewonnen sei, welcher den nationalen Forderungen uneingeschränktes Verständnis entgegen brachte, und wenn sich vielleicht da und dort bereits die Hoffnung geregt hatte, daß Rudolf berufen sei, diesen Forderungen zum Siege zu verhelfen, so mußte sich diese Meinung sehr bald Enttäuschungen gegenüber sehen. Bei Rudolf wiederholt sich die für die Regierung Franz Josephs so charakteristische Kreuzung verschiedener Gesichtspunkte, die gerade bei der Behandlung der böhmischen Frage durch den Kaiser so erkennbar zu Tage trat19). Die Frage, wieso der Thronfolger von seinen ausgesprochen slavenfreund­17) Unterredung mit Szeps am 21. Dezember 1882 („Neues Wiener Journal“ vom 13. Jänner 1924). — Dr. Martin Hattala, geb. am 4. November 1821, gest. 11. Jänner 1903, war geistlichen Standes; vgl. Ottüv slovnik naucny 10 (1896) 950. is) Brief vom 16. April 1880 an Latour. Selekt Kronprinz Rudolf 16. 19) Vergi. H. Friedjung, Historische Aufsätze (1919) 524. 7H) An Latour, 1880 April 5, im Selekt Kronprinz Rudolf 16. Htl) Lodénice (Lodenitz), nö. von Beroun, Mittelböhmen. — An Latour, 1880 Juni 24, im Selekt Kronprinz Rudolf 16.

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