Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 38. (1985)

HUMMELBERGER, Walter: Kronprinz Rudolfs Prager Jahre 1878–1883. Ein unveröffentlichtes Manuskript Oskar Freiherr von Mitis'

Kronprinz Rudolfs Prager Jahre 1878—1883 291 den. „Bylo by pfáti“ — so schreibt er — „aby okolnost princova tak slozena byla jako rakousky stát sám, na rozum princű úcinek byl by patrny a on tím zachranén od predpojatosti aneb lehkováznych úsudkü ... Já jsem jemu se svymi prednáskami chut’ a lásku k véci dal“ 3H). In ganz gleicher Weise berichtet Gindely auch an den Kai­ser, wobei er in seinem Berichte vom 20. Oktober 1874 die charakteri­stische Bemerkung einfließen ließ: „Jedenfalls ist zu beherzigen, daß es einen großartigen Eindruck auf die slavischen Völker Oesterreichs ma­chen würde, wenn die völlige Kenntnis eines der slavischen Idiome bei Seiner kaiserlichen Hoheit durch unwiderlegliche, täglich sich mehrende Beweise konstatiert würde. Ob dies nicht auch von großem praktischem Nutzen für die Geschicke unseres Staates sein würde, läßt sich zwar nicht mit Sicherheit behaupten, aber ebensowenig verneinen“. Daß Gindelys nationale und politische Anschauungen auf den Kronprinzen einen tiefen Eindruck machten, geht aus den Gedankengängen hervor, welche Rudolf in einem „Die Lage Wiens und unsere Zukunft“ betitelten Aufsatz 9) im September 1875 entwickelte und welcher in dem Satz gipfelt „Die Nation der Zukunft sind die Slaven“. Daß man in eingeweihten Kreisen damals von dieser der tschechischen Nation sehr sympathisch gegenüberstehenden Gesinnung des Thronfolgers wußte, scheint die Tatsache zu beweisen, daß der Wiener Hof- und Burg­pfarrer Johann Schweiz in einem Majestätsgesuch vom 6. Oktober 1875 im Namen des „Wiener Methud-Vereines“ die Bitte stellte 10), Kronprinz Rudolf möchte das Protektorat des Vereines übernehmen. „Der Zweck dieses Vereines besteht“, wie es in den Statuten heißt, „in der Förderung der Religiosität sowie der geistigen und sittlichen Bildung unter den in Wien und dessen nächster Umgebung lebenden Tschechoslaven katholi­scher Religion, welche wegen Unkenntnis der deutschen Sprache von den im Orte bestehenden Anstalten für religiöse und geistige Weiterbildung nicht den erwünschten Nutzen erzielen können“. In der Eingabe wird die Zahl der in Wien lebenden Tschechen mit 150.000 angegeben. Das in der Kabinettskanzlei über das Majestätsgesuch erstattete Referat trug auf Ablehnung des Ansuchens an und zwar vornehmlich deshalb, weil es nicht klar sei, ob der Verein über genügend Mittel verfüge, und weil keine Garantie dafür bestehe, „daß der Verein, wenn ihm einmal 9) Haus-, Hof- und Staatsarchiv in Wien, Nachlaß Latour (= Selekt Kron­prinz Rudolf 2 fol. 223—228). 10) Haus-, Hof- und Staatsarchiv in Wien, Kabinettsarchiv, Direktionsakten ZI. 12 ex 1875. 3,{) Übersetzung: ,Es wäre zu wünschen, daß die Umgebung des Prinzen so zusammengesetzt wäre wie der österreichische Staat es ist, die Wirkung auf den Verstand des Prinzen wäre augenscheinlich, und er würde dadurch von der Voreingenommenheit und leichtfertigen Beurteilungen bewahrt bleiben ... Ich habe ihm mit meinen Vorträgen Freude und Liebe an der Sache ver­schafft'. 19*

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