Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 38. (1985)

HUMMELBERGER, Walter: Kronprinz Rudolfs Prager Jahre 1878–1883. Ein unveröffentlichtes Manuskript Oskar Freiherr von Mitis'

Kronprinz Rudolfs Prager Jahre 1878—1883 237 gegenteiliger Bemühungen nicht mehr aufzuhalten. Die nun einsetzende, durch einige Dezennien währende kämpferische Resignation der Tsche­chen manifestierte sich in dem Satz: „Wir waren vor Österreich und wer­den auch nach ihm sein“. Noch zu Beginn des hier behandelten Lustrums war die Ergebenheit der Dynastie gegenüber ein wesentlicher Bestand­teil des Volksbewußtseins, der aber immer stärker in Gegensatz zu dem sich ebenso rasch wie radikal formenden Nationalismus geriet. Dieser wur­de von einer noch traditionslosen Intelligenz und einer sehr dünnschich­tigen Bourgeoisie als lautstark auftretenden Repräsentanten eines Volkes von Bauern, Handwerkern und (damals noch wenigen) Arbeitern getra­gen. Die utraquistischen Empfangsfeierlichkeiten in Prag und in der Pro­vinz Böhmens im Jahr 1878 endeten drei Jahre später in Kuchelbad mit dem stürmischen Verlangen der aufgeregten tschechischen Studenten — nachdem diese bereits eindeutig deutschfeindliche Kampflieder gesungen hatten —, daß von allen Anwesenden, somit auch von den Angehörigen des Corps mit dem symbolträchtigen Namen „Austria“, die Volkshymne entblößten Hauptes anzustimmen sei. Auf engstem Raum offenbarte sich hier noch einmal die Diskrepanz zwischen dem nunmehr zur unleugbaren Realität gewordenen radikalen Nationalismus der jungen Generation und der immer noch demonstrierten Ergebenheit dem Erzhaus gegenüber. Der Weg zur Trennung und damit zur Zerstörung der Monarchie war zwar anfangs noch zögernd, dann aber mit starrer Konsequenz beschritten wor­den. Der junge, überdurchschnittlich begabte Kronprinz verfügte über keiner­lei Möglichkeit politischer Einflußnahme, ausgenommen das Verfassen von mehr oder weniger umfangreichen Denkschriften. Das Begreifen der neu entstandenen und entstehenden Kräfte, zu dem ihm die gute Kenntnis des Tschechischen und der Landesgeschichte verhalf (die er praktisch al­len nicht-tschechischen Politikern voraushatte), zeigte ihm mit aller Deut­lichkeit seine gänzliche Ohnmacht selbst in kleinsten Angelegenheiten des politischen Alltags. Trotz jugendlichen Elans und aller ehrlichen Bestre­bungen stehen damit die Prager Jahre als unübersehbares Signal am Be­ginn seines tragischen Scheiterns. ANHANG Kronprinz Rudolf und die tschechische Nation *) Von Dr. Oskar Mitis, Direktor des Staatsarchivs in Wien Die Lebensgeschichte des Kronprinzen Rudolf von Oesterreich ist noch nicht geschrieben. Sie kann es nicht sein, weil die Quellen zur Geschichte *) Alle nicht dem deutschen Original Mitis’ entstammenden Ergänzungen, An­merkungen des Herausgebers (eigene Zahlenreihe mit nachgestelltem H) und

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