Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 38. (1985)

HUMMELBERGER, Walter: Kronprinz Rudolfs Prager Jahre 1878–1883. Ein unveröffentlichtes Manuskript Oskar Freiherr von Mitis'

Kronprinz Rudolfs Prager Jahre 1878—1883 285 stehende gegenseitige emotionelle Verbundenheit zu den Tschechen als Volk bestehen; dagegen gab es keinerlei Bindungen zur tschechischen Nation. Dafür bringt Mitis zwei Beispiele: Obgleich der Kronprinz seit seiner Verheiratung (am 10. Mai 1881) die Rückkehr nach Wien zu betreiben begann, die der Kaiser schließlich durch die am 22. Dezember 1883 ausgesprochene Versetzung an die Spitze der 25. Infanterie-Trup­pendivision in Wien — an Stelle des Erzherzogs Johann (!) — sanktio­nierte, erwarb er noch am 1. November 1883 das der Gräfin Gabriele Thun gehörige Allodialgut und Schloß Rothenhaus (Cerveny Hrádek) in dem damals deutschsprachigen Bezirk Komotau (Chomutov). „Angeblich beabsichtigte der Kronprinz ursprünglich das Gut Konopisté zu er­werben, doch sei ihm darin Erzherzog Franz Ferdinand zuvorgekom­men“ 44). Dieses Schloß Rothenhaus hatte ein wechselvolles Schicksal: In den dreißiger Jahren war es im Besitz des Prinzen Dr. Max Egon zu Hohenlohe-Langenburg und seiner Gattin Maria, die sich beide sehr für die Sudetendeutsche Partei (SDP) Konrad Henleins und damit für den Nationalsozialismus engagiert hatten und es im Sommer 1938 dem Sonder­botschafter der britischen Regierung, Lord Runciman, zu Verhandlungen mit Konrad Henlein zur Verfügung stellten. Ob der Kronprinz jemals dort gewohnt hat, konnte nicht festgestellt werden. Heute befindet sich im Schloß eine .Gedenkstätte an den Kampf gegen den Faschismus“. Im November 1883 unternahm das Kronprinzenpaar eine Stippvisite nach Prag, um das wiedererstandene Tschechische Nationaltheater45) anläß­lich einer Aufführung der Oper „Dimitri“ von Antonín Dvofák zu be­suchen. Dieses Nationaltheater, das den Wunsch nach einem repräsenta­tiven Bau als Signum einer eigenständigen Kultur manifestierte, war am 15. Juni 1881 eröffnet, aber bereits am 12. August des gleichen Jahres durch einen Brand vollständig zerstört worden. Der durch Stiftungen des Kaisers, des Kronprinzen und auch durch Spenden zahlreicher Prager Deutscher betriebene Wiederaufbau war am 18. November 1883 beendet, die Einweihung erfolgte durch eine feierliche Akademie. Am 25. November 1883 berichtete die Politik in der „Tageschronik“46): Das Kronprinzenpaar in Prag. Mehrere Monate sind schon vergangen seit die Räume auf dem Hradcin ... verlassen standen. Heute kommen, wenn auch vorläufig 44) Mitis Leben 411 f: Gutskauf in Böhmen. Vilém Némec Vysoky pán konopistsky [Der hohe Herr zu Konopisté] (Praha 1926) 8 f, behauptet überdies, daß der deshalb entstandene Streit vom Kaiser persönlich geschlichtet werden mußte. Némec war Gutsnachbar des Erzherzogthronfolgers und beschreibt die menschlichen Eigenschaften des Ehepaares sehr negativ. Vgl. dagegen Brigitte Hamann in der Edition Kronprinz Rudolf. Majestät ich warne Sie. Geheime und private Schriften (Wien—München 1979) 338: „Seine Vorliebe für den Wienerwald, wo er sich 1887 seinen einzigen Besitz, das Jagdschlößchen Mayerling, gekauft hatte, ...“. 45) Mitis Leben 74. Zum tschechischen Nationaltheater vgl. Schürer Prag 321 f. 46) Politik 1883 November 25 n. 282 S. 4.

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