Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 37. (1984)

SUTTER, Berthold: Machtteilung als Bürgschaft des Friedens. Eine Denkschrift des Botschafters Heinrich von Calice 1896 zur Abgrenzung der Interessensphären zwischen Rußland und Österreich-Ungarn am Balkan

320 Berthold Sutter Aehrenthal hat, als er seine Gedanken niederschrieb, das Mémoire des Frei- herm von Calice vom 30. April 1896 nicht gekannt, er muß jedoch noch im ersten Jahr seiner Tätigkeit in St. Petersburg von ihm erfahren haben46). Sein Interesse an ihm war so groß, daß er sich eine Abschrift privat von seinem in Konstantinopel akkreditierten Kollegen erbat, der ihm diese am 15. März 1900 mit dem Hinweis übersandte, daß die Denkschrift in den vier Jahren, die seit ihrer Abfassung verflossen seien, an Aktualität verloren habe47). In einem Privatschreiben vom 28. (15.) April 1900 hat sich Aehrenthal bei Calice „für die sehnlichst erwartete Denkschrift“ bedankt, deren Lektüre für ihn „ein wahrer Hochgenuß“ gewesen sei48). Diese Beteuerung war mehr als eine Höflichkeits­472. Der Historiker Hans Zwiedinek von Südenhorst (1845-1906) war sein jüngerer Bruder. Vgl. Wiener Genealogisches Taschenbuch (1926) 413-416. 46) Aehrenthal stand mit dem über zwanzig Jahre älteren Calice längst - nicht nur durch Kommunikate - in direktem Kontakt. So richtete er während der Zeit, in der er in das Außenministerium einberufen war, an Calice privat etwa die Frage, wen dieser für den Posten des k. u. k. Minister-Residenten in Cetinje Vorschlägen würde. (Antwort von 1895 August 22: HHStA Nachlaß Aehrenthal 1). — Am 26. Juli 1905 dankte Calice für die ihm von Aehrenthal privat übersandten Glückwünsche zu seinem Botschafterjubiläum in Konstantinopel. Dem Dank und dem Hinweis, „er fühle doch schon sehr die Ermü­dung“, fügte Calice hinzu: „Ich glaube mich verpflichtet, in Erwiderung auf Ihre freundliche Complimente zu erwiedem, daß ich meinerseits selten in diplomatischen Berichten soviel Interesse und Belehrung fand als in den Ihrigen. Deren Sammlung wäre eines der belehrendsten Bücher über das heutige Rußland und den Werdegang der Ereignisse, welche ja ihre inneren Ursachen haben. Dennoch möchte ich das Verhältniß, in dem wir derzeit zu diesem unglücklichen Reiche stehen, nicht für ganz werthlos halten. Wir zwei haben daran gearbeitet und es hat Nutzen gebracht, namentlich in diesem Theile der Welt. Wie langsam sich auch Rußland erholen wird, es wird sich erholen, und es wird gut sein, daß die Erinnerung an das Zusammengehen mit uns ein gutes bleibe, denn Rußland wird ja immer unser Nachbar bleiben. Uebrigens beweist die erneute Zusammenkunft Kaiser Wilhelms mit dem Czar, daß er auch jetzt umworben ist. Die internationale, oder vielmehr europäische Behandlung der Balkanfragen wird aller­dings nach und nach die Aktion zu Zweien mehr oder weniger verdrängen. Mein Ideal bleibt aber, soviel als möglich von unserem gegenwärtigen Entente-Verhältnisse und gleichzeitig von der europäischen Mitwirkung soviel äls möglich zu profitiren. Wiewohl dies die Quadratur des Circeis erscheinen mag, so scheint es mir doch das Natürlichste und Nützlichste und im Grunde sind wir bereits auf diesem Wege. Wenn Sie einmal Lust haben sollten, was ich kaum voraussetze, so würde ich Ihnen mein Amt am liebsten übergeben, und dies sans phrase“ (ebenda; Sperrung bedeutet Unterstreichung im Original). Aehrenthal war seit 29. Jänner 1899 Botschafter in St. Petersburg. - Privat­schreiben des Grafen Calice vom 23. Oktober 1906, Görz, an Aehrenthal: abermals Dank für einen Glückwunsch, diesmal zur Standeserhebung. Anschließend Behandlung politi­scher Fragen: „Ich glaube übrigens mit Ihnen, daß ein neues Kapitel der Balkanfragen im vollen Anzug ist“. In Bezug auf den von den Wiener Zeitungen gemeldeten Abgang des Grafen Goluchowski: „Einer der Hauptkandidaten der öffentlichen Meinung sind Sie und ich würde mich freuen, wenn es zu Thatsache käme. Einzelne andere werden genannt. Gott lenke alles zum Besten. Die Situation erheischt Kopf und Charakter“ (ebenda). Die Enthebung Goluchowskis und die Ernennung Aehrenthals erfolgten am 24. Oktober 1906. 47) Siehe hier Anhang 1 S. 323f. 48) HHStA BA St. Petersburg II, 3 n. 23 secr., Abschrift.

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