Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 36. (1983)
NOFLATSCHER, Heinrich – SPRINGER, Elisabeth: Studien und Quellen zu den Beziehungen zwischen Rudolf II. und den bosnischen Christen
48 Heinrich Noílatscher — Elisabeth Springer chen“ Siegels. Formale Vorbilder dafür sind gewiß in der dalmatinischen Privaturkunde zu sehen98); doch ist noch viel eher an die spätmittelalterliche Herrscherurkunde zu denken. Von bosnischen Despoten- oder Königsurkunden sind nur wenige Stücke erhalten, doch ist dabei zu bedenken, daß speziell in Bosnien durch die Türkenherrschaft viel an altem Traditionsgut vernichtet wurde99). Andererseits kann man bei diesen Mönchen einen ständigen Kontakt zum Westen voraussetzen, zumal viele von ihnen einen Teil ihrer Ausbildung in Italien empfangen haben 10°). 2) Eine andere mögliche Verbindungslinie ergibt sich zu den in Ungarn üblichen „Loca credibilia“, d. h. zu jenen geistlichen Kommunitäten, die kraft königlichen Auftrages in fremden Rechtsgeschäften urkunden durften und dadurch in die Stellung von Notariaten aufrückten 101). Ein solcher locus credibilis mag die „Curia Bani“ gewesen sein, deren Reste man später innerhalb der Mauern des Klosters St. Johann bei Sutjeska zeigte 102). In den beiden nur abschriftlich überlieferten Patenten kommen zwei verschiedene Verballhornungen vor: „Corciabani“ und „Curia Barii“, doch läßt sich beides von Curia Bani ableiten 103). 3) Am erstaunlichsten ist jedoch das „Nachleben“ des Königreiches Bosnien in der Zeit der Türkenherrschaft. Der Titel „Minister“ ist zwar im Minoritenorden auch sonst üblich 104), doch wird diese Bezeichnung hier im weltlichen Bereich angewendet, wenn Masnovich oder Alinieh im Namen aller Christen und deren Woiwoden in diesem Gebiet mit Kaiser Rudolf II. in Kontakt treten. Nur Conte Paulo Pavich urkundet selbständig und führt das Siegel seiner Grafschaft Poglizza, die offenbar nicht dem alten Königreich Bosnien unterstellt war105). Auffällig ist schließlich, mit welcher Selbstverständlichkeit Gesandte und Prokuratoren ernannt werden, um mit den christlichen Mächten zu verhandeln loe). 98) Suff lay Die dalmatinische Privaturkunde passim; Oswald Redlich Die Privaturkunden des Mittelalters (München — Berlin 1911) 216. 9S) Kein Vergleichsmaterial fand sich bei P. Eusebius Fermendzin Acta Bosnae potissimum ecclesiastica cum insertis editorum documentorum regestis ab anno 925 usque ad annum 1752 (Monumenta spectantia historiam Slavorum Meridionalium 23, Zagrabiae 1892). i°°) Eduard Richter Beiträge zur Landeskunde Bosniens und der Herzegowina in Wissenschaftliche Mitteilungen aus Bosnien und der Herzegowina 10 (1907) 396. 101) Gleichfalls ergebnislos wurde konsultiert: Ludwig von Thallóczy Studien zur Geschichte Bosniens und Serbiens im Mittelalter (München— Leipzig 1914); zu den „Loca credibilia“ allgemein Redlich Privaturkunden 176 f. 102) Georg von Stratimirovic Bosnische Königsschlösser in Wissenschaftliche Mittheilungen aus Bosnien und Hercegovina 2 (1894) 322. ms) HHStA Ungar. Akten 356 fol. 5 v, 22 v, 24 r. In der Form von Urkunden abgefaßt auch die Stücke fol. 47, 49, 169. 104) Lexikon für Theologie und Kirche 2 (Freiburg i. B. 1962) Sp. 432 ff unter „Minoriten“. io») HHStA Ungar. Akten 356 fol. 20 v—21 r. io®) Zum Problem der Selbständigkeit der türkischen Provinzen enthalten