Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 36. (1983)

SCHÖDL, Günter: Zur Forschungsdiskussion über alldeutsch-deutschnationale Politik in der Habsburgermonarchie und im Deutschen Reich

520 Literaturberichte sehen den beiden Mittelmächten; denn Österreich-Ungarn bemühte sich um eine selbständige wirtschaftliche Rolle im Südosten neben Deutsch­land. Die mit dem Kriegsende und der Auflösung der alten Monarchie aufge­worfenen politischen und wirtschaftlichen Probleme werden vom Vf. in ihren Zusammenhängen knapp und klar dargestellt. Dagegen hätte man gern noch Näheres über die Abstoßung der Filialen und Industriebe­teiligungen der Großbanken „im Neuausland“ erfahren. Vielleicht hat hier die Quellenlage nicht mehr erlaubt. Nach dem Ersten Weltkriege herrsch­te, wie M. sehr deutlich herausarbeitet, in Österreich die Vorstellung vor, daß das neue, kleine Österreich wirtschaftlich nicht lebensfähig sei. Es hatte zwar von der Industrie der früheren cisleithanischen Reichshälfte einen seinem Bevölkerungsanteil entsprechenden Anteil mitbekommen, hatte aber eine ungünstige Industriestruktur und Agrarstruktur und dazu einen administrativen „Wasserkopf“, der für ein großes Reich von 47 Mill. Einwohnern, aber nicht für einen Staat von 6,5 Mill, paßte. Da die auch von der Entente gewünschte Wirtschaftsunion Österreichs, der Tschecho­slowakei und Ungarns nicht zustande kam, konnte Österreich die Sieger­mächte davon überzeugen, daß es zu Reparationen nicht fähig sei. Deshalb wurden die Reparationsbestimmungen des Vertrags von St. Ger­main nie realisiert, und deshalb hatte Österreich — im Unterschied zur Weimarer Republik — kein Reparationsproblem. Zur Erklärung der österreichischen Nachkriegsinflation leistet die Zah­lungsbilanztheorie (Helfferich, M. J. Bonn), wie M. nachweisen kann, den Hauptbeitrag; denn der stärkste Impuls für den Kaufkraftverlust der Kro­ne ging von dem Zahlungsbilanzdefizit aus. Die zweite Inflationsquel­le war — wie in Deutschland — das hohe Budgetdefizit. Im Herbst 1921, V4 Jahre früher als in Deutschland, begann in Österreich die galoppierende Inflation. Für den Übergang zur galoppierenden Inflation mißt der Vf. der Devisenspekulation und auch den aus seriösen Erwägungen von den Banken aufgebauten Fremdwährungskonten im Ausland große Bedeutung bei. Diese Erklärung befriedigt nicht ganz. Es müssen auch noch weitere wirtschaftliche Faktoren eine Rolle gespielt haben. Was den deutschen Leser überrascht, ist die mit Quellen und Daten gut belegte Darstel­lung des Vf’s, daß in der Inflation umfangreiche Verkäufe österreichi­scher Aktien an Ausländer stattgefunden haben und daß dabei auch star­ke ausländische (insbesondere amerikanische und holländische) Beteiligun­gen am Aktienkapital der Wiener Großbanken erworben wurden. Demge­genüber herrschte in Deutschland eine geradezu panische Furcht, daß die deutsche Wirtschaft durch den Verkauf von Aktien an Ausländer „überfremdet“ werden könne. Im Herbst 1922 gelang Bundeskanzler Seipel dann mit der Hilfe des Völkerbundes die Sanierung der öster­reichischen Währung und Finanzen. Die überaus geschickte Politik, mit der Seipel diese Völkerbundhilfe erreichte, wird von M. fesselnd geschil­dert.

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