Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 36. (1983)

SCHÖDL, Günter: Zur Forschungsdiskussion über alldeutsch-deutschnationale Politik in der Habsburgermonarchie und im Deutschen Reich

Rezensionen 513 genutzt und schlagen schließlich in Egoismus, Menschenscheu und Ver­antwortungslosigkeit um. Aus dem Prinzeßchen wird eine strahlend schöne Kaiserin, der man schon früh die ersten drei Kinder entfremdet hat. Das wird sie der Schwieger­mutter nie verzeihen; Leidtragende an dem entflammenden Streit sind, wie immer, in erster Linie die Kinder. Eine „Kronprinzentragödie“ hätte es vielleicht gar nicht geben müssen, wäre Elisabeth über den Seelenzu­stand ihres Ältesten besser im Bilde gewesen. War es doch sie ge­wesen, die seine liberale Erziehung veranlaßt hatte, ohne sich dann je wieder um das Ergebnis, nämlich die Lebenseinstellung Rudolphs, zu kümmern oder sich auch nur dafür zu interessieren. In ihrer Mittlerrol­le als Frau und Mutter hatte Elisabeth völlig versagt, ein Vorwurf, an dem die Autorin zu Recht nicht spart. Die Macht ihres Geistes und ihrer Schönheit setzt die Kaiserin ausschließlich im „Fall U“ ein. Sie wird von Zeitgenossen die „Schöne Vorsehung Ungarns“ genannt. Diese Hal­tung entspringt aber in erster Linie ihrem Widerspruchsgeist und der Ab­lehnung des Wiener Hofs sowie der ungeliebten Schwiegermutter. Nach dem Zustandekommen des „Ausgleichs“ ist Elisabeths echtes Interesse an Ungarn dahin. Es folgt die Zeit der Reife. Am Höhepunkt ihrer Schönheit kommt ein „Versöhnungskind“ zur Welt. Diese Tochter, Marie Valerie, wird bald „die Einzige“ genannt. Die aufgestauten Muttergefühle werden alle an die­ses Kind verströmt. Bis zum Tod des Kronprinzen kreisen Elisabeths Ge­danken ausschließlich um sie, sowie um Reisen, Reiten und Schönheit. Bereits in diesen Jahren macht sich ihr Hang zur Weltflucht bemerkbar. Ihre Pflichten als Landesmutter vernachlässigt sie fast zur Gänze: Franz Joseph darf zahlen. Das schlechte Gewissen, das sie ihm gegenüber hin und wieder hat, wird durch die Förderung der Beziehung zu der „ewigen Freundin“ des Kaisers, Frau Schratt, beruhigt. Es gelingt der Autorin ausgezeichnet, gerade diese Jahre Elisabeths darzustellen. Ab dem Tod des Kronprinzen verflacht die Biographie zusehends und verliert sich etwas in einem Shakepeareschen Zauberwald. Auch die in diesem Teil vermehrt eingesetzten Gedichte bringen nichts wesentlich Neues über Elisabeth. Sie bestätigen nur lange angestellte Vermutungen und gelegentliche Andeutungen. Von größerem Interesse sind lediglich die Vermögensverhältnisse, in denen die Kaiserin lebte. Daß sie bei ihrer oft grenzenlosen Verschwendungssucht auch sparen konnte, verwundert sehr. Sie hinterließ beachtliche Vermögenswerte, die ihren doch vorhan­denen Sinn für das Praktische unter Beweis stellen. Gerade für die „Fin-de-siécle“-Stimmung, die in Österreich herrschte, wäre jedoch eine Kaiserin, die tatkräftig an der Seite ihres Mannes steht, ein ungeheurer Auftrieb gewesen. Auf sozialem Gebiet hätte Eli­sabeth ein schier unerschöpfliches Betätigungsfeld gehabt. Und genauso­gut, wie man ihr seitens der Nachwelt ihre Verschwendung zum Vor­Mitteilungen, Band 36 33

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