Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 36. (1983)
SCHÖDL, Günter: Zur Forschungsdiskussion über alldeutsch-deutschnationale Politik in der Habsburgermonarchie und im Deutschen Reich
498 Literaturberichte politischen Vorstellungen der steirischen Jakobiner stammten größtenteils aus Schriften verschiedener Aufklärer.“ „Die Ideen der Französischen Revolution (drangen) auch in das Land ob der Enns ein und stießen dort vereinzelt auf große Resonanz.“ Einzelne propagierten revolutionäre Ideen, und die Bauern traten im Innviertel offen für die „Neufranken“ ein (S. 77). Dies sind alles interessante Mitteilungen über die Resonanz, die die Französische Revolution in jenen Teilen Österreichs hervorgerufen hat. Der unvoreingenommene Leser fragt sich aber, aus welchem Grund dies alles Jakobinismus sei. Wenn man nun eine große Vielfalt positiver Reaktionen auf die Revolution in Frankreich unter einem Begriff zusammenfaßt und eine zumindest unpräzise Terminologie, sogar die Existenz einer „mitteleuropäischen Jakobinerbewegung“ (S. 33) suggeriert, dann besteht die Gefahr, daß man den unterschiedlichen historischen Antrieben und Zielsetzungen der einzelnen Reaktions- und Aktionsweisen nicht gerecht wird und die notwendige begriffliche und sachliche Differenzierung unterbleibt. Traditionelle rheinische Sozial- oder Verfassungskonflikte, Kirchen- und Adelskritik, ungarische Nationalopposition gegen habsburgische Dominanz, Proteste gegen josephinische Reformübertreibungen, all dieses hat durch die Gleichzeitigkeit der Französischen Revolution Verschärfung erfahren, weil die Denker, Publizisten oder Akteure sich ermutigt fühlten und andererseits die verschreckten Obrigkeiten jetzt besonders nervös reagierten. Deswegen dürfen die prinzipiellen Unterschiede aber nicht verwischt werden. Sympathisch an vorliegendem Buch ist, daß der Vf. auf eigene Polemik verzichtet. Besonders nützlich ist der sich insgesamt ergebende bibliographische Überblick. Deutlich wird auch, daß der Vf. sich in der Habsburgermonarchie durch eigene Forschungsarbeit gut auskennt. Vieles von dem, was der Vf. für die Zukunft anregt, konnte er inzwischen schon selbst in die Wege leiten. In seinem Innsbrucker Institut entsteht derzeit unter seiner Federführung und mit internationaler Beteiligung ein biographisches Lexikon revolutionärer Demokraten, das sicher dankbar begrüßt und benutzt werden wird. Seine Verdienste sind also unumstritten. Da von einer Behinderung der Jakobinerforscher mittlerweile wohl nicht mehr geredet werden kann, der Nachholbedarf unter anderem durch die Arbeiten des Vf’s so groß nicht mehr ist und auf politische Ziele ausgerichtete Forschungsarbeit auch vom Vf. abgelehnt werden dürfte, ist in bezug auf die von ihm angezeigten Perspektiven der Forschung zu fragen, ob nicht die Zeit gekommen ist, die „Jakobiner“ wieder mehr in das Gesamtspektrum politischen Verhaltens und Handelns des Zeitalters einzuordnen. Dadurch würden sie nach ihrer „historischen Rehabilitierung“ (S. 7) vor unangemessener Glorifizierung bewahrt, und es bliebe die Chance offen, ihre Wirksamkeit und Bedeutung realistisch zu gewichten. Hansgeorg Molitor (Düsseldorf)