Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 36. (1983)

SCHÖDL, Günter: Zur Forschungsdiskussion über alldeutsch-deutschnationale Politik in der Habsburgermonarchie und im Deutschen Reich

488 Literaturberichte wie ihn Sp. selbst im Vorwort formuliert, wird mit der Lebensbeschrei­bung einer der wichtigsten Gestalten auf der Bühne des ausgehenden 17. Jahrhunderts eine spürbare Lücke geschlossen. Farbe und Brisanz er­hält dieses Bild vor allem dadurch, daß Leopold, bei aller Verschieden­heit des Charakters, als der eigentliche große Gegenspieler Ludwigs XIV. gelten kann, mehr noch als Wilhelm III. von Oranien, daß das Zeitalter des Sonnenkönigs mit Recht auch nach Leopold benannt werden könnte, unter dem der Aufstieg Habsburgs zu einem „multinationalen Imperium“ (S. 9) in Zentraleuropa begann. Dieser Monarch, der zunächst nicht für sein hohes Amt bestimmt und erzogen worden war — der Untertitel drückt dies aus —, stand dabei im Knotenpunkt komplizierter Verflech­tungen der europäischen Machtstränge, die es in der Darstellung in einsichtiger Form aufzulösen galt. In hohem Maße gelingt es Sp. auch, dem Leser die Person des Kaisers menschlich nahe zu bringen, mit ihrem von Pflichtgefühl, Gewissenhaf­tigkeit und starker Religiosität bestimmten Handeln, das häufig weit­reichende Entscheidungen der göttlichen Vorsehung anzuvertrauen suchte, was manches Abwarten und Zaudern verständlicher macht, bisweilen aber auch überraschende Entschlußfreudigkeit aufwies. Treffsichere Porträts und Bilder zeichnet Spielman auch von den wichtigeren Gestalten in der Umgebung Leopolds und von den rivalisierenden Hofparteien mit ihren widerstreitenden Präferenzen und Zielen. Das bewegende Ferment dyna­stischen Denkens, das für Leopold außerordentlich bestimmend war, wird vom Autor gebührend herausgearbeitet, doch verführt ihn die These vom Übergewicht des Interesses der Familie und Österreichs bisweilen dazu, die zumindest zeitweise ausgeprägte Reichspolitik etwas in den Hintergrund treten zu lassen. So hatten etwa zahlreiche Missionen an deutsche Höfe und ein festes Auftreten am Regensburger Reichstag zum Ziel, die Stände wieder stärker an den Kaiser zu binden, nachdem das aggressive Vorgehen Ludwigs XIV. während des Holländischen Krieges den Nimbus des französischen Königs als Schützer der deutschen Liber- tät gründlich zerstört hatte. Zugegebenermaßen fehlen hier, wie zu manch anderem Problem, noch eingehende Spezialuntersuchungen. Dagegen wer­den durchgehend Finanz- und Wirtschaftsfragen angesprochen; Sp. hat ja dem österreichischen Kameralisten Rojas y Spinola eine eigene Unter­suchung gewidmet (Cristobal Rojas y Spinola, cameralist and irenicist, 1626—1695 [Philadelphia 1962]). Der Aufbau des Bandes lehnt sich, nach einer gerafften Schilderung des „habsburgischen Familienunternehmens“ und des „österreichischen Erbes“, an die Chronologie der europäischen Entwicklungen an, wobei das östliche und westliche Geschehen einander gegenübergestellt wer­den. Die Konflikte im Osten, die Aufstände in Ungarn und der Ent­scheidungskampf mit den Türken, die 1683 bis Wien Vordringen, haben dabei eine breite und auch sicherere Behandlung erfahren als die zweite Frontstellung im Westen gegen Ludwig XIV., die in der großen Auseinan­

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