Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 36. (1983)

SCHÖDL, Günter: Zur Forschungsdiskussion über alldeutsch-deutschnationale Politik in der Habsburgermonarchie und im Deutschen Reich

476 Liter aturb erichte Bild möglichst in seiner eigentlichen Gestalt wieder herzustellen“ (S. XXIII). Diese Darstellungsweise hat den großen Vorteil, daß man die vor­liegenden vier Bände als außerordentlich informatives Werk heranziehen kann. Der Nachteil liegt darin, daß der Vf. kaum bestrebt ist, wichtige Strukturen und Tendenzen herauszuarbeiten oder gar deren Bewertung zu erörtern, von der expliziten Anwendung historisch-politisch-sozialwissen­schaftlicher Kategorien auf den vorgegebenen historischen Sachverhalt zu schweigen. Reflexionen über Sinn und Form einer solchen historisch­politischen Biographie, auch über die schwierige Frage, wie die Biogra­phie mit der epochalen Geschichte verwoben oder abgegrenzt zu sehen sei etc., sollten heute gewiß Teil eben solcher biographischer Darstel­lung sein. Indes handelt es sich hier nicht um einen bloßen Positivismus. Der Autor verfolgt gerade in diesem Band einen ordnenden Faden für die uferlosen Fakten, nämlich den historischen Zielpunkt des habsburgi­schen Weltreichs (S. 463 f, 483, 485), das Maximilian durch seine Poli­tik wesentlich herbeiführt, auch wenn er selbst den Erfolg nicht mehr sieht (weder den östlichen noch denjenigen Karls). Freilich hätte gerade in diesem Punkt ein höherer Explikationsgrad der zweifellos vorausgesetzten Metaebene des Darstellers (vgl. S. XXVII) dem Werk nicht geschadet, sondern gerade dem Leser die Perspektive des Vf’s deutlicher signali­siert und dadurch zu größerer Klarheit im Sinne einer reflektierten Orts­bestimmung des Vf’s und damit auch des Lesers beigetragen. Die beiden Fragenkomplexe Italien und Reich, eng miteinander verknüpft, durchziehen den ganzen Band. Der Vf. setzt unausgesprochen zwei in­einander verschränkte Grundthesen voraus, die der Rezensent wie folgt sieht: 1. Wer Italien besitzt, hat die Vorherrschaft wenigstens in Europa (S. 44, 233). 2. Aufgrund seiner Tradition und des Kaisertums müßte das Reich die entscheidende Stellung in Italien einnehmen, eine Groß­macht sein (S. 37, 47, 49, 70, 151, 269 etc). Zur ersten These läßt sich dieser Band des Vf’s auch gegen den Strich lesen. Gewiß hatte Italien reiche Kräfte. Aber wenn sich Maximilian mit dem Reich in Italien durchgesetzt, es beherrscht hätte, hätte dann nicht das neue Gleichge­wichtssystem sofort funktioniert, wie es sich tatsächlich ausbildete, daß sich eine Anzahl von Mächten gegen den Stärkeren zusammenschließt, der ein Übergewicht zu gewinnen droht? — Es ließe sich auch fragen, ob Spanien deshalb die jahrhundertbeherrschende Kraft Europas wurde, weil es einen Teil Italiens beherrschte (vgl. S. 483 f.). Man könnte Ita­lien auch anders sehen: nicht als Quelle der Macht, sondern als Prüf­stein der Macht für die rivalisierenden Staaten. Hatte das Reich noch die traditionelle Aufgabe von Beherrschung Ita­liens und Hegemonie? Zweifellos, wenn man die hochmittelalterliche Reichs- und Kaiseridee für gültig ansieht. Der Vf. wünscht im Grunde Ma­ximilian ein „Reich“, das sich mit den entstehenden Nationalstaaten bzw. Monarchien wie Frankreich, Spanien, England, aber auch den italie­

Next

/
Oldalképek
Tartalom