Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 36. (1983)
SCHÖDL, Günter: Zur Forschungsdiskussion über alldeutsch-deutschnationale Politik in der Habsburgermonarchie und im Deutschen Reich
462 Literaturberichte ergänzt und eine lange Vorrede geschrieben. Das Resultat war ein Torso, denn, wie Gomperz in jener Vorrede schreibt, „es wurden im Durchschnitt wohl zwei Drittel bis drei Viertel aller Briefe weggelassen“ (S. 31)! Dieser Torso wurde von Gomperz nicht veröffentlicht, es wurden aber 1933 zwei Exemplare eines 1500seitigen maschingeschriebenen Manuskripts angefertigt, von denen das eine beim Herausgeber, das andere bei Zöhrer blieb. Aus der darauffolgenden komplizierten Geschichte des Manuskripts sind hier nur einige Tatsachen von Belang. Erstens ging Gomperz, der sich geweigert hatte, der Vaterländischen Front beizutreten, 1935 in die Emigration, um eine Professur in Los Angeles anzunehmen, wo er 1942 starb. Bei dieser Übersiedlung ging vermutlich die überwiegende Mehrzahl der von ihm gesammelten Briefe verloren. Zweitens blieben Versuche, die kurz nach dem Zweiten Weltkrieg auf eine eventuelle Drucklegung des Manuskripts abzielten, erfolglos. Ende der 70er Jahre wurde aber Zöhrer durch einen Aufsatz Robert Kanns über die Familien Gomperz und Wertheimstein in der Wiener Presse zufälligerweise darauf aufmerksam, daß Kann Interesse an den Wertheimsteinbriefen hatte und glaubte, daß die Edition Gomperz’ mit den Originalbriefen verloren gegangen sei. „Sobald es meine Zeit zuließ“, berichtet Zöhrer, „grub ich aus dem Keller, in dem ich ... das mir überlassene Manuskript der Wertheimsteinbriefe verwahrt hatte, dieses aus und setzte mich dann im Dezember 1979 mit Herrn Univ.-Prof. Dr. Robert Kann in Verbindung, der sich in sehr dankenswerter Weise spontan der Sache annahm“ (S. 20). Binnen kurzer Zeit gelang es Kann, die Drucklegung seitens der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, für die er früher ein ähnliches Projekt unternommen hatte'), zu ermöglichen. Der vorliegende Band, dessen Erscheinen Kann leider nicht mehr erlebt hat, besteht aus einer ausführlichen Einleitung des Neuherausgebers, seiner Erklärung der Grundsätze der Edition, einem Bericht Zöhrers über die Herkunft des Manuskripts, der 1933 geschriebenen Vorrede Gomperz’, und dem von Kann neuredigierten Text, der aus finanziellen Rücksichten weiter gekürzt werden mußte. Aus dieser Entstehungsgeschichte des Bandes ist das wesentliche Problem der Edition ersichtlich. Bei seiner Arbeit stand Kann ein Manuskript zur Verfügung, dessen wissenschaftliche Grundlagen der Geschichtsauffassung nicht des späten, sondern des frühen 20. Jahrhunderts entsprachen. Überdies war Gomperz ein pietätvoller Verehrer seiner Tante und, wie sie, ein Geschöpf des österreichischen Großbürgertums des 19. Jahrhunderts. Zwar bekennt er sich in seiner Vorrede zu einem würdevollen Leitsatz für seine Herausgebertätigkeit: „Darauf, nichts unnötiges mitzuteilen, war ich fortwährend bedacht und habe keinen einzigen Satz !) Theodor Gomperz. Ein Gelehrtenleben im Bürgertum der Franz-Joseph- Zeit. Auswahl seiner Briefe und Aufzeichnungen 1869—1912. Erläutert und zu einer Darstellung seines Lebens verknüpft von Heinrich Gomperz. Neu bearbeitet und herausgegeben von Robert A. Kann (Wien 1974).