Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 36. (1983)

SCHÖDL, Günter: Zur Forschungsdiskussion über alldeutsch-deutschnationale Politik in der Habsburgermonarchie und im Deutschen Reich

428 Literaturberichte reich auch dann zugrunde gegangen, so Fürnberg aber anders, und das hätte für damals und für später ziemlich entscheidende Bedeutung gehabt. Neben dem Zweifel an der Verteidigungskraft der bewaffneten Macht und neben der Furcht, bei einer Verständigung mit der oppositionellen Linken den Widerstand der Nationalsozialisten inner- und außerhalb Österreichs zu provozieren, war für Schuschnigg sicherlich auch die Er­kenntnis entscheidend, daß das Ausland sich nicht für Österreich mobi­lisieren lassen werde. Aus den Referaten von Hanns Haas (Die Okku­pation Österreichs in den internationalen Beziehungen, S. 16—43), Walter Hummelberger (Österreich und die Kleine Entente im letzten Halb­jahr vor dem Anschluß, S. 44—67) und Arnold Supp an (Anschluß und Anschlußfrage in Politik und öffentlicher Meinung Jugoslawiens, S. 68—85) wird klar, daß man vom Ausland nichts zu erwarten hatte. Aus der Sicht der internationalen Appeasementgeschichtsschreibung ist die von Haas vertretene, aber, wie die Diskussion zeigte, nicht unum­strittene These interessant, die französischen, englischen und deutschen Akten erbrächten nicht den vielfach unterstellten Nachweis, daß die Ap­peasementpolitik die nationalsozialistische Anschlußpolitik der Monate September 1937 bis Januar 1938 provoziert habe. Gerade die einen Anschluß mißbilligende Haltung Englands in diesen Monaten förderte in Deutschland den Gedanken an Gewaltanwendung; denn Österreich sollte auf jeden Fall heim ins Reich, mit oder ohne Gewalt. Haas ist jedoch andererseits der Meinung, daß Chamberlains Verständigungskurs auf dem Höhepunkt der Anschlußkrise, also Februar/März 1938, die Annexionsplä­ne förderte; Frankreich befürwortete zwar bis zuletzt eine Politik der Stärke, konnte sich aber, wie wir längst wissen, bei den Engländern nicht durchsetzen. An Hand der Berichte der österreichischen Gesandten beschreibt Hummelberger die Beziehungen zwischen Österreich und der Tschechoslowakei sowie Österreich und Jugoslawien zu jener Zeit, als die Kleine Entente schon völlig paralysiert war, und gelangt zu dem Schluß, daß die beiden stärksten Länder der Kleinen Entente sich recht fatalistisch — Jugoslawien mehr und früher als die Tschechoslowakei — dem immer drohenderen Verlust der Selbständigkeit Österreichs gegen­über verhielten. Darüber hinausgehend weist Suppan nach, daß sich Ju­goslawien eher sympathisierend gegenüber einem Anschluß Österreichs verhielt. Anläßlich dieser Referate intervenierte Stephan Verosta mit der Bemerkung, daß „Hitler Österreich — dem Staat Österreich und dem österreichischen Volk — völlig unbeabsichtigt einen großen Dienst erwiesen [hat]. Denn mit dem 13. März 1938 hat Deutschland völkerrechtlich und staatsrechtlich alle Verant­wortlichkeit und Haftung für all das übernommen, was seither auf öster­reichischem Staatsgebiet geschah. Österreich blieb zwar weiter völkerrechtlich rechtsfähig, war aber jeder Handlungsfähigkeit beraubt ... Österreich war seit der Okkupation und Annexion durch Deutschland von jeder völkerrecht­lichen oder staatsrechtlichen Verantwortung — bis zu seiner Befreiung von der deutschen Herrschaft im April 1945 — befreit“ (S. 324).

Next

/
Oldalképek
Tartalom