Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 36. (1983)

SCHÖDL, Günter: Zur Forschungsdiskussion über alldeutsch-deutschnationale Politik in der Habsburgermonarchie und im Deutschen Reich

Alldeutsch-deutschnationale Politik 377 70er Jahren zur Umformung bürgerlich-liberaler Politik führte. Was Österreich angeht, so sezessionierte aus dem liberalen Lager eine deutsch­nationale Bewegung, die seit den späten 80er Jahren allmählich feste organisatorische Form annahm, in ihren konzeptionellen Anfängen aber bis in die Zeit des Vormärz zurückverfolgt werden kann. In Preußen- Deutschland wiederum prägte eine Art antimodemistischen „Funktions­wandels“ 4) jenen herrschaftstechnisch manipulierten, hochgezüchteten Nationalismus. Er erweiterte das breite Spektrum „nationalliberaler“, etatistisch orientierter Parteipolitik um Elemente einer antiliberal-,,völki­schen“ ,Bewegung1. Die entschiedensten Anhänger dieser Transformation liberaler Politik in „nationale Opposition“, von Nationalstaatsorientierung in volksbezogenen Autarkiekult, von großbürgerlicher Interessenvertre­tung in utopiegeleitete „völkische“ ,Bewegung“ sammelten sich in Öster­reich-Ungarn wie im Deutschen Reich in einer „alldeutschen“ Gruppie­rung von Parteien, Vereinen und informellen Zirkeln. Zwar fanden sie nicht zu organisatorischer Einheit. Aber sie verstanden es, auf der Ebene des .common man' der — 1866/71 machtpolitisch widerlegten — Idee deutscher Einheit eine gewisse Breitenwirkung zu erhalten. Die zeitgenössische, vor 1918 geführte Diskussion über alldeutsch-deutsch­nationale Politik in der Habsburgermonarchie wurde in außerordentlich kontroverser Weise geführt. Sie ließe sich — was bisher noch nicht geschehen ist — detailliert aus parlamentarischen Protokollen, aus der zeitgenössischen Presse 5 6 *), auch aus privaten Nachlässen rekonstruieren. Hier seien die Nachlässe Raphael Pacher, Paul Samassa, Edmund Stein­acker, Heinrich Friedjung, Joseph Maria Baemreither, Heinrich Bräun­lich und vor allem der umfangreiche Nachlaß Eduard Pichl, der großen­teils als ein Schönerernachlaß betrachtet werden darf, hervorgehoben 8). Erwähnung verdienen auch jene kritischen Stimmen, die sich schon seit Ausgang des 19. Jahrhunderts in Frankreich zu Wort meldeten. Ange­regt durch innerfranzösische Diskussionen über Badenikrise und Natio­4) Vgl. Heinrich A. Winkler Vom linken zum rechten Nationalismus. Der deutsche Liberalismus in der Krise von 1878/79 in GG 4 (1978) 5—28. 5) Hier sei nur auf die wichtigsten Presseorgane der österreichischen All­deutschen hingewiesen: Unverfälschte Deutsche Worte 1 (1883), Wien, ab 16. No­vember 1883 Organ des „Deutschnationalen Vereines“. Ferner das Alldeutsche Tagblatt. Unbestechliche Zeitung, Wien 1 (1903), Organ der unbedingten Schö- nereranhänger. Ostdeutsche Rundschau. Deutsches Tagblatt, Wien 1 (1890), ab 1901 bedeutsam als Organ der „Freialldeutschen (ab 1907: „Deutschradikalen“) Partei“ Karl Hermann Wolfs. 6) Die Nachlässe Pichl und Samassa befinden sich im österreichischen Staatsarchiv, Abt. Allgemeines Verwaltungsarchiv; in der Abteilung Haus-, Hof- und Staatsarchiv werden diejenigen von Baernreither und — zum Teil — von Friedjung aufbewahrt. Einen weiteren Teil des Nachlasses Friedjung be­sitzt die Stadtbibliothek Wien. Ferner: Nachlaß Steinacker: Archiv des Südost- Instituts München; Nachlaß Pacher: Archiv der Burschenschaft „Teutonia Prag“ in Erlangen; Nachlaß Bräunlich: Konfessionskundliches Institut in Bensheim (BRD).

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