Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 36. (1983)
SCHÖDL, Günter: Zur Forschungsdiskussion über alldeutsch-deutschnationale Politik in der Habsburgermonarchie und im Deutschen Reich
Alldeutsch-deutschnationale Politik 375 bildung, zugleich diejenige politisch-pädagogischen Praxisbezugs nicht vertan werden soll. Auch inhaltlich ist die Barrés-Bahr’sche Formel von Interesse. Sie bestätigt einen Interpretationsansatz, der sich in der allgemeinhistorischen Literatur zwar schon seit langem abzeichnet, in der Nationalismusforschung aber noch immer einer systematischen Realisierung harrt: Barrés zielt auf die Wechselwirkung zwischen bürgerlich-liberalem Krisenbewußtsein und nationalistischer Radikalisierung, die sich seit den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts entfaltet hat. Liberalismuskritisches, kulturpessimistisch konturiertes Bedürfnis, dem anonym-elementaren Veränderungsdruck krisenhaft-ungewissen sozialen Wandels auszuweichen, — ist daraus die Dynamik nationalistischer, auch alldeutsch-„völkischer“ ,Bewegung' abzuleiten? Ist dies der gesellschaftliche Resonanzboden jener — zugleich mobilisierend und entpolitisierend, insgesamt integrierend wirkenden — rückwärtsgewandten Utopie? Jener kollektiven Lebenslüge, die ,Bewegung um der Bewegung willen' als erneuernde Rückkehr zur .wahren' nationalen Tradition feiert, die zugleich „mes morts ... et ma terre“, Ahnen und Heimaterde, ,Blut und Boden' als verpflichtende Werte „völkischer“ Politik kanonisiert? Diese Vorbemerkungen methodologischer und inhaltlicher Art sollen nicht nur auf einige wichtige Bezugspunkte der folgenden Ausführungen hin- weisen. Sie sollen auch — in gebotener Kürze — einige Umrisse des methodologischen und inhaltlichen Vor-Verständnisses des Verfassers selbst andeuten. Noch weniger detailliert sind die Erläuterungen, die an dieser Stelle zu Problemen begriffssprachlicher Art gemacht werden können. Die Begriffe „deutschnational“ und „alldeutsch“ sind weder in der zeitgenössischen noch in der Sekundärliteratur verbindlich geklärt und voneinander abgegrenzt. Es dürfte den Zwecken eines Forschungsberichtes, zu dessen Aufgaben eine selbständige Untersuchung der Nationalismusthematik nicht vorrangig gehört, entsprechen, daß diese Begriffe sowie derjenige des „extremen Nationalismus“ eine — eher pragmatische — Klärung erfahren, indem sie als Bezeichnungen bestimmter geschichtlicher Phänomene eingeführt werden. Als sich seit den späten 70er Jahren des 19. Jahrhunderts im Verlaufe der Krise des deutschösterreichischen Liberalismus die Konturen einer „deutschnationalen“ Politik abzeichneten, wurde der — an sich sehr viel ältere — Ausdruck „alldeutsch“ für deren radikale Anhänger üblich, die Georg Ritter von Schönerer führte. Nach mehrmaligem Hin und Her von Radikalisierung und Anpassung, Sezession und erneuter Annäherung bildeten sich seit den 90er Jahren mehrere — zeitweise nebeneinander sechs! — selbständige deutschnationale Parteien. Unterschiedlich intensiv in den 1910 gegründeten Deutschen Nationalverband einbezogen, wurden sie durch die Wahl von 1911 zur stärksten Fraktion des Abgeordnetenhauses. Von dieser locker gefügten Parteiengruppe hielt sich die Schö-