Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 32. (1979)
NECK, Rudolf: † Hanns Leo Mikoletzky
Nachrufe 493 Als ein Suchender, der er zeit seines Lebens im tiefsten Grunde seines Wesens gewesen war, ist Mikoletzky vom Tode übermannt worden. Mit ihm erlosch ein unruhiger Geist, der sich nicht in den Beurteilungsraster einer technisierten Gegenwart einordnen läßt. Sein vielseitiges seelisch-intellektuelles Sein paßte jedoch andererseits auch nie in das Bild, das man noch immer vom Archivar gemeiniglich besitzt. Mikoletzky enstammte einer altösterreichischen Offiziersfamilie und ist am 9. November 1907 in Esseg geboren worden. Frühzeitig lernte er durch den Wechsel der Garnisonen seines Vaters das unstete Leben jener Schichten kennen, die das Gefüge der alten Doppelmonarchie bis zuletzt getragen haben. Zeitweise hat er eine kroatische Volksschule besucht. Die reiferen Jugendjahre verbrachte er jedoch schon in Wien; hier zeigte sich früh sein vielseitig interessiertes Wesen, hier legte er den Grund für eine bei seinen Berufskollegen sonst nicht immer übliche ausgebreitete Belesenheit. Zunächst wandte er sich an der Universität juristischen, bald aber auch historischen und kunsthistorischen Studien zu, außerdem besuchte er theologische und rein philosophische Vorlesungen und Übungen mit viel Eifer und Beharrlichkeit. 1933 dissertierte er bei Wilhelm Bauer mit einer geschichtsphilosophischen Abeit über den Staatentod und promovierte am 10. November 1933 an der philosophischen Fakultät der Wiener Universität. Er widmete sich - seinem Interesse als Polyhistor entsprechend — zunächst dem Bibliotheksdienst und fand seit 25. Februar 1934 Beschäftigung als Volontär an der Bibliothek der Technischen Hochschule in Wien, wo er am 1. Mai desselben Jahres als Aspirant angestellt wurde. 1935 erfolgte daselbst seine Beförderung zum Adjunkten. Nebenbei besuchte er 1935-1937 als außerordentliches Mitglied den Kurs am österreichischen Institut für Geschichtsforschung, wo er von Hans Hirsch mit der Bearbeitung der Regesten Ottos II. für die Regesta Imperii beauftragt wurde. Die Staatsprüfung am Institut bestand er im Januar 1938 mit „sehr gut“. In der nun folgenden schweren Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft in Österreich war Mikoletzky harten Verfolgungen ausgesetzt. Im November 1938 wurde er formell vom Bibliotheksdienst enthoben und Ende 1939 sein Dienstverhältnis auch amtlich aufgelöst. Infolge einer Denunziation wurde er in einen Rüstungsbetrieb der Schwerindustrie dienstverpflichtet. Hier war er bis März 1945 als manueller Schwerarbeiter tätig, und hier hat sein zarter Körper schwere Gesundheitsschäden, vor allem am Herz, erlitten. Wir gehen wohl kaum fehl, wenn wir annehmen, daß sein späteres und letzten Endes zum Tode führendes Leiden hier seine Wurzel hatte. Sofort nach der Befreiung Österreichs 1945 wurde Mikoletzky in die Bibliothek der Wiener Technischen Hochschule wieder eingestellt, zunächst als Staatsbibliothekar II. Klasse. Mit dieser Indienststellung war seine völlige Rehabüitierung verbunden. 1947 legte er noch die Staatsprüfung für Bibliothekswesen ab. Inzwischen hatte sich Mikoletzky jedoch für einen Berufswechsel entschieden. Schon in seinen Institutsjahren hatte er die Bedeutung der Archive als