Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 32. (1979)
WINTER, Otto Friedrich: In memoriam Wilhelm Kraus
490 Nachrufe gewohnten Rahmen war er speziell im Finanzarchiv tätig, seine Hauptaufgabe bestand in der Rückführung der kriegsbedingt verlagerten Bestände aus den Bergungsorten Etsdorf und Kirchstetten in Niederö st erreich nach Wien. Mit 1. Februar 1950 erfolgte eine neue Dienstzuteilung an die Abteilung IV des Österreichischen Staatsarchivs (Kriegsarchiv), einen Wirkungsbereich, mit dem er bis zum Ende seiner aktiven Dienstzeit verbunden bleiben sollte. Es spricht für seine Persönlichkeit wie für seine fachlichen Qualitäten, daß er als Zivilist und noch dazu Ungedienter in diesem Institut, in dem militärische Traditionen eine große Rolle spielten, so schnell Fuß fassen und das Vertrauen des Direktors Oskar Regele erringen konnte. Auch hier war er zunächst für Arbeiten in Zusammenhang mit der Rückführung verlagerter Bestände eingesetzt, wie der Überprüfung des Archivs des Hofkriegsrates oder der Erstellung von Verzeichnissen über die Akten des Generalstabsbüros und über das Archiv des Apostolischen Feldvikariats (1489—1918). Zusätzlich führte er in Gmunden Ordnungsarbeiten am Familienarchiv Folliot de Crenneville und am Nachlaß Englisch-Popparich durch. Sein Interesse wandte sich jedoch bald speziell den Personalakten des Kriegsarchivs zu; 1952 wurde er zum Vorstand der für diese Materie zuständigen Abteilung I bestellt. In diesem Rahmen beschäftigte er sich namentlich mit dem Vorhaben, aus den ab dem Jahre 1740 erhaltenen Musterlisten die Armee Kaiser Karls VT. in ihrer personellen Zusammensetzung zu rekonstruieren; er erzielte manche Teilergebnisse, konnte die Arbeit aber nicht zu Ende führen, trotzdem er sich noch als Pensionist damit befaßte. An der Abfassung des Inventars des Kriegsarchivs Wien, das als Gemeinschaftswerk der Beamten im Jahre 1953 erschien, hat er - vornehmlich an den Abschnitten „Personalakten“ und „Bibliothek“ — bedeutenden Anteil. Aus seiner dienstlichen Einteilung ergab sich auch die Mitarbeit an dem von der österreichischen Akademie der Wissenschaften herausgegebenen Österreichischen Biographischen Lexikon, für das er an der Erstellung einer Grundkartei der Personen aus dem militärischen Bereich mitwirkte und eine Reihe von Einzelbeiträgen verfaßte. Auf Grund seiner vielfältigen Erfahrung wurde ihm auch die Abfassung des Jubiläumsartikels 10 Jahre Österreichisches Staatsarchiv 1945—1955 in MÖStA 8 (1955) 238-304 anvertraut, für die er späterhin noch einige Archivaren gewidmete Beiträge (Rudolf Kiszling zum 75. Geburtstag in MÖStA 10 [1957] 539—546, Nachruf Walter Nemetz [1910-1958] in MÖStA 11 [1958] 609-612, Gebhard Rath zum 60. Geburtstag in MÖStA 14 [1961] IXf) zur Verfügung stellte. Am 1. Jänner 1955 zum Oberstaatsarchivar (Dienstklasse VII) befördert, wurde er nach dem Ausscheiden Oskar Regeles im Jänner 1956 zum Leiter des Kriegsarchivs bestellt und stieg dann zum Direktor dieses nach dem Personalstand und nach dem Umfang der Bestände weitaus größten Archivs Österreichs und zum wirklichen Hofrat (1. Juli 1962, Dienstklasse VIII) auf. Die Fülle der Probleme, die sich für den ersten Nichtmilitär an der Spitze eines militärhistorischen Dokumentationszentrums von Weltrang - mit dem Archiv verbunden sind umfangreiche Karten-, Plan- und Bildersammlungen