Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 31. (1978) - Festschrift für Richard Blaas
Gottfried MRAZ: Die Bedeutung des „Anschlusses“ für die Beurteilung des Nationalsozialismus durch die römische Jesuitenzeitschrift „Civiltä Cattolica“
Beurteilung des Nationalsozialismus durch die „Civiltä Cattolica“ 511 und verzerrt wiedergegeben hätten45 46). Dagegen registrierte er mit großer Genugtuung die Stellungnahme des Wiener Erzbischofs in Rom, die gerade noch, wie er ausführte, zur rechten Zeit gekommen sei: „Contro una siffatta interpretazione venne perciö, piú che opportuna, necessaria la protesta o spiegazione che dal medesimo Cardinale Arcivescovo di Vienna, a nome dei suoi colleghi . . . fu data poi e diramata al mondo, dopo la sua venuta a Roma, come é noto“45). Deutlicher konnte die Kritik der Civiltä Cattolica am Verhalten des österreichischen Episkopates kaum ausfallen. Bedauernd fügte Rosa hinzu, daß natürlich der Protest des Wiener Kardinals in Rom vom neuen Regime in Österreich totgeschwiegen und in der Presse unterdrückt worden sei. Rosa forderte, daß ein überzeugter Katholik in diesem Augenblick in seiner Haltung nicht schwanken dürfe, wenn es, wie jetzt im „Dritten Reich“, um den Bestand der Kirche gehe. Ihr seien, so führte er aus, bereits schwerere Wunden zugefügt worden als durch die Reformation im 16. Jahrhundert; in Deutschland drohe der totale Abfall vom Glauben und die völlige Preisgabe der christlichen Kultur. Geleitet von seiner tiefeingewurzelten Abneigung gegen die Reformation Luthers, bezeichnete Rosa den rassistischen Nazismus als den „ultimo abisso del protestantesimo“. Durch die Ausweitung der nationalsozialistischen Herrschaft über das katholische Österreich sei auch dieses der Gefahr der völligen Apostasie vom Christentum ausgesetzt, wo es doch von der Vorsehung zum „baluardo dei cattolicismo fra le genti germa- niche“ auserkoren gewesen sei47). An einem konkreten Beispiel versuchte Rosas Artikel die Verwirrung der Geister, die „disorientazione“ unter Österreichs Katholiken zu verdeutlichen und zugleich die nationalsozialistischen Propagandamethoden zu entlarven. Im 9. Wiener Gemeindebezirk, in der Pfarre zur Allerheiligsten Dreifaltigkeit gab es ein monatlich erscheinendes Blatt zur Erneuerung des religiösen Lebens, das sich Katholische Aktion der Alservorstadt nannte. In der Aprilnummer des Jahres 1938 erschien in dieser Zeitschrift ein Artikel unter dem Titel Neuorientierung. Er enthielt ein flammendes Bekenntnis zum Anschluß und bezeichnete Hitler als ein vom Allmächtigen erwähltes Geschöpf zur Erfüllung des Traumes aller Deutschen. Es war zwar für Rosa noch denkbar und verständlich, daß man in Österreich an sich nach den elenden Friedensbedingungen von St. Germain die Vereinigung mit Deutschland herbeigesehnt habe. Schlechthin und kompromißlos 45) Rosa schreibt dazu: „Né bastava a chiarime l’enigma, se non anzi l’oscurava in parte, la ,solenne dichiarazione“ dei vescovi, per il troppo strepito che ne fece la propaganda nazista. Questa riusci a svisame interamente il significato, e a diffondeme anzi universalmente la interpretazione piü favorevole alle novitä, ma contraria alia mente dell’episcopato, non meno che difforme dalle piú schiette dottrine e dalle piü sane norme, che sono le costanti direttive, sempre equilibrate, della Chiesa in simili congiunture“ (CC 1938-11 400). 46) Ebenda. 47) CC 1938-11 401. *