Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 31. (1978) - Festschrift für Richard Blaas

Gottfried MRAZ: Die Bedeutung des „Anschlusses“ für die Beurteilung des Nationalsozialismus durch die römische Jesuitenzeitschrift „Civiltä Cattolica“

Beurteilung des Nationalsozialismus durch die „Civiltá Cattolica“ 505 Barberas Auseinandersetzung mit der Hitlerbewegung blieb damals weitge­hend an der Oberfläche und legte ihre zutiefst antichristlichen Wurzeln nicht bloß. Der wahre Feind der Kirche wurde allein im marxistischen und libera­len Gedankengut geortet, wenn an die Adresse des Zentrums die Mahnung gerichtet wurde, bei einer Zusammenarbeit mit der deutschen Sozialdemo­kratie die daraus resultierenden Gefahren für katholische Prinzipien zu be­denken. Rassismus und Antisemitismus, von Moenius als der zerstörerische Motor der nationalsozialistischen Bewegung gebrandmarkt, wurden zwar auch von Barbera durchaus als deren Fundamente verstanden, aber nicht ka­tegorisch als negativ bewertet14). Die Stellungnahmen in der Civiltá Cattolica in den Jahren bis zur Machter­greifung Hitlers und bis zum Abschluß des Konkordates zwischen dem Heili­gen Stuhl und der deutschen Reichsregierung ließen zumindest die Möglich­keit einer Kooperation von katholischer Kirche und Nationalsozialismus of­fen. Die Erfahrungen Roms mit dem Verhalten der parlamentarischen Demo­kratien in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg boten der Civiltá Cattolica keinen Anlaß, dem Untergang der Weimarer Republik nachzutrauern. Zudem schien sich der Nationalsozialismus als Bündnispartner im Kampf gegen Marxismus und Bolschewismus anzubieten. Dies bedeutet nicht, daß die Hit­lerbewegung jemals eine positive Zustimmung oder Unterstützung in der Ci­viltá Cattolica gefunden hätte, vielmehr sah sie sich gerade in der Zeit des Konkordatsabschlusses veranlaßt, die Gründe herauszustreichen, die trotz der latenten Gefahr für die Kirche in Deutschland die Unterzeichnung dieses Vertragswerkes nahelegten15). Der tatsächliche Verlauf der Entwicklung stempelte alsbald diese Hoffnung, den Schutz der katholischen Kirche in Deutschland durch einen internatio­nalen Vertrag zu sichern, zur leeren Illusion. Eine Zeitlang sah sich die Je­suitenzeitschrift noch veranlaßt, einen gewissen Unterschied zwischen der Reichsregierung und den nationalsozialistischen Propagandisten zu machen, doch brachten noch im Jahre 1934 zwei grundlegende Artikel von Antonio scher Katholizismus zwischen Demokratie und Diktatur 1929—1934 (München 1969) 32 f, 106, 164-167. 14) Barbera unterscheidet zwischen einer rein negativen und einer positiv-kon­struktiven Form des Antisemitismus. Während sich der negative Antisemitismus damit zufrieden gibt, die Juden aus der Öffentlichkeit, aus Staat und Wirtschaft auszuschlie­ßen, will die positiv-konstruktive Form den jüdischen Geist und die Hilfsmittel, deren er sich bedient, ausrotten. Der Nationalsozialismus ist in der Auffassung Barberas ein Vertreter der letztgenannten Spielart: „L’antisemitismo nazionalsocialista é invece po­sitivo e costruttivo“. In der weiteren Charakterisierung lassen sich zweifelsohne ge­wisse Sympathien Barberas für diesen Programmpunkt der NSDAP nicht leugnen. Vgl. Mraz Kirche 115f; CC 1931-11 320. ls) Mraz Kirche 184—204. Enrico Rosa sah sich durch die heftige Kritik, die be­sonders von katholischen Kreisen in Frankreich am Abschluß des Reichskonkordates geübt wurde, veranlaßt, dazu im Oktober und November 1933 eingehend Stellung zu nehmen; vgl. dazu die beiden Artikel: A proposito del concordato della Santa Sede con la Germania in CC 1933-IV 217-220 und II concordato della Santa Sede con la Ger­mania in CC 1933-IV 331-346.

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