Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 31. (1978) - Festschrift für Richard Blaas
Lorenz MIKOLETZKY: Österreich, Italien und der abessinische Krieg 1935/36. Politik, Meldungen und Streiflichter
Österreich, Italien und der abessinische Krieg 497 Oberitalien verfolgten nur den Zweck, einerseits Deutschland zu warnen und andererseits Österreichs innere Verteidigungsbereitschaft durch die Betonung seiner Freundschaft mit Italien zu stärken. Selbst die eindringliche italienische Empfehlung an die Wiener Regierung, den Heeresaufbau „mit allen Mitteln“ voranzutreiben, konnte keine ausreichende Garantie für den status quo im Donauraum sein, die Mussolini für die Dauer des Abessinienunternehmens benötigte. Der Abessinienkrieg war zum Schlüssel der italienischen Politik in Europa und damit indirekt auch gegenüber Österreich geworden37). Schon vor der Auseinandersetzung Abessinien-Italien hatte Liebitzky am 23. September 1935 die schwierige Lage seiner Heimt ganz klar ausgesprochen, stieß aber in Wien auf wenig Verständnis. „Es ist ganz klar, daß Mussolini, mit 300.000 Mann kriegsbegeisterter Soldaten in Ostafrika, bei starker finanzieller Anspannung der Kräfte durch weitgehende Vorbereitungen, einen großen Erfolg nach Hause bringen muß, will er nicht seine späteren Aussichten auf Expansion Italiens, die hochgespannten Hoffnungen seines Landes aufs Spiel setzen, sein Prestige und sein Regierungssystem gefährden. An seiner Entschlossenheit, diesen Erfolg heimzubringen, ist nicht mehr zu zweifeln, auch wenn er schwerste Widerstände vor sich sieht. Die militärischen Maßnahmen der Engländer in Ägypten (die britisch-ägyptischen Kräfte sind in den Sudan verschoben und durch englisch-indische Kontingente zum Teil ersetzt worden) haben zur Folge, daß Mussolini allem Ansehen nach nunmehr sich auch vorbereitet, außerhalb Ostafrika gegen englische Widerstände aufzutreten, bzw. englische Interessen zu treffen. . . . Die große Überlegenheit der italienischen Luftflotte, die sich auf die nahe Heimatbasis stützen kann, die Überlegenheit der Italiener zur See an leichten Schiffen und Unterseebooten, gegen die sich die schweren englischen Einheiten nur durch Verbleiben in den geschützten Häfen sichern können, diese Überlegenheit gepaart mit äußerster Entschlossenheit läßt es als durchaus möglich erscheinen, daß Italien sich gegebenenfalls nicht scheuen wird, allen Respekt vor dem großen England beiseitelassend, den Kampf auch offensiv aufzunehmen. . . . Kommt es zu dieser scharfen Auseinandersetzung Italiens und Englands, dann würde die Rolle Deutschlands bedeutsam sein. Hält dieses an der eben gewonnenen Annäherung an England fest, so wird sich sein Verhältnis zu Italien (trotz allen wirtschaftlichen Vorteilen, die Deutschland z. B. durch Kohlenlieferungen an Italien von diesem hat) eher verschärfen. Deutschland würde dann aus der europäischen Schwäche Italiens Nutzen zu ziehen trachten, seine Tendenz zum Brenner und nach Südosten, also in der österreichischen Frage, nur schärfer werden. ... In beiden Fällen, nimmt Deutschland für England oder Italien Partei, entstehen für Österreich schwere Lagen (eine indifferentere Haltung Deutschlands, um es sich mit keinem von beiden zu verderben, würde gewiß nicht dauernd sein, schon die wirtschaftlichen Interessen würden Deutschland zu einer Entscheidung zwingen, wenn schon nicht die verlockenden politischen)38). . . . Die Schlußfolgerung für Österreich, die meiner Meinung nach in jedem Fall zu ziehen ist, lautet: Für die nächsten Jahre gerüstet sein, die vielleicht nur mehr kurze Zeit nützen, damit alle, die es sehen sollen, sehen, daß man über Österreich nicht ohneweiters zur Tagesordnung übergehen kann. Bei der gestrigen Kriegsgräbereinweihung auf dem Monte Grappa sagte ein hoher italienischer General zu mir: ,Schon übermorgen kann die ganze europäische Gruppierung auf dem Kopfe stehen. Bestehen wird * 3 37) Vgl. Funke Sanktionen und Kanonen 20ff. 3S) Zu diesem letzten Satz schrieb eine kommentierende Hand an den Rand: „Irrtum“. Mitteilungen, Band 31 32