Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 31. (1978) - Festschrift für Richard Blaas
Otto F. WINTER: Die italienische Kriegsarchivdelegation nach dem Ersten Weltkrieg
DIE ITALIENISCHE KRIEGSARCHIVDELEGATION NACH DEM ERSTEN WELTKRIEG Von Otto F. Winter „Vor acht Jahren zur Leitung des Kriegsarchivs berufen, ward es mir beschieden, das Institut durch eine Katastrophe zu führen, die das staatliche Gefüge vollständig über den Haufen und die Lebensbahn jedes Einzelnen aus allen herkömmlichen Geleisen warf. In diesen Zeiten schwerster seelischer und leiblicher Bedrängnis ideelle wissenschaftliche Werte in eine bessere Zukunft zu retten, war eine Aufgabe, die Tag für Tag, Schritt für Schritt an die Härten einer notgedrungen ganz im Materiellen versinkenden Wirklichkeit stieß und nicht dadurch gefördert wurde, daß grausame Enttäuschung, bitterste Leiden, eine Fülle schmerzlichster Opfer und unnennbares Elend dem Krieg und allem, was damit zusammenhängt, mit trotziger Feindseligkeit gegenüberstanden. Neben dem Ringen um die prinzipiellen Daseinsmöglichkeiten des Instituts und seines Personals galt es immer wieder, die aus der Not und würgenden Knappheit der Mittel geborenen kleinlichen Sorgen des Alltags zu überwinden. Die Direktionsführung glich in dieser ganzen Zeit der Steuerung eines schwer havarierten Schiffes durch stürmische, klippenreiche See, die Opfer auf Opfer aus den Reihen der Besatzung riß, schmerzliche Notwendigkeiten, um die wertvolle Ladung zu retten“ *). Diese dramatischen Abschiedsworte des Direktors FMLt. Maximilian von Hoen am Beginn des Jahres 1925 umschreiben treffend die Gesamtsituation des Kriegsarchivs in den ersten Nachkriegsjahren. Konkret war die primäre Aufgabe die, das Kriegsarchiv als eines der bedeutendsten militärhistorischen Institute der Welt unter Befriedigung der Ansprüche der Nachfolgestaaten der Monarchie für Österreich zu erhalten und seinen Standort innerhalb der öffentlichen Einrichtungen der Republik festzulegen. Zum anderen galt es, die Schriftgutmassen der liquidierenden militärischen Zentralstellen der Monarchie und des Feldheeres nach Möglichkeit zu erfassen, zu ordnen und der wissenschaftlichen Benützung zugänglich zu machen, zum dritten, eine umfangreiche Auskunfts-, Bescheinigungs- und Entlehntätigkeit für administrative Erfordernisse zu leisten. Nicht zuletzt mußten alle diese Aufgaben auf die schrittweise Anpassung der materiellen, räumlichen und personellen Struktur an die Leistungsfähigkeit eines kleinen, wirtschaftlich schwachen Staates abgestellt werden* 2). Mit dem Ende der Monarchie erhielt das Kriegsarchiv als Teil des k. u. k. Kriegsministeriums den Status einer liquidierenden Institution. Es war damit der von der Gesandtenkonferenz der Nachfolgestaaten am 11. Dezember 1918 konstituierten Internationalen Liquidierungskommission bzw. dem von die*) Nachrichtenblatt des Kriegsarchivs 2, 1925 Jänner 31. 2). Inventar des Kriegsarchivs Wien 1 (Inventare österreichischer Archive VIII, Wien 1953) 9 ff.