Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 31. (1978) - Festschrift für Richard Blaas
Fritz FELLNER: Aus der Denkwelt eines kaiserlichen Botschafters a. D. Die Briefe des Grafen Monts an Josef Redlich aus den Jahren 1914/15
Briefe des Grafen Monts an Josef Redlich 395 schon die russische Offensive überall zum Stillstand gekommen, aber wir brauchen leider mehr, schon weil der Winter vor der Türe steht. Auch wegen Serbien, denn ein längeres Wachestehen vor diesen und den montenegrischen Halunken, namentlich später im Winter, ist menschenmordend. Endlich ist Italiens Haltung noch immer oberfaul. Es ist ganz sicher, daß die teuren Verbündeten gegen uns gegangen wären, wenn nicht zunächst die Ruinierung der Flotte durch den Tripoliskrieg, die 70.000 Cader-Mann- schaften in den Kolonien, die wirtschaftliche Misere Bedenken erregten. Aber auch dies wäre schließlich überwunden worden, wenn nicht Lüttich und die schnellen anderen Schläge die Neutralitätspartei gestärkt hätten, eine Bundestreue existiert bei unseren Alliierten überhaupt nicht. Aber auch jetzt noch, so sehr offiziell die Neutralität unterstrichen wird, ist die Lage keineswegs geklärt. Man schwankt zwischen Angst und Ländergier, Angst vor eventueller Rache und vor Schlägen durch die Alliierten, Gier etwas zu erhaschen und der Einsicht, daß je länger je geringer die Chancen werden, während die englisch-französischen Einbläser immer noch am italienischen Zünglein an der Wage ziehen. Soweit ich informiert bin, ist angesichts dieser Sachlage noch immer eine nicht unbeträchtliche österreichische Garnison an der italienischen Grenze zurückbehalten, die wohl dem ersten Ansturm genügen würde. Aber diese Truppen dürften doch sehr auf dem Haupttableau fehlen. Eventuell würden sie in Serbien zur Vernichtung des Gegners hinreichen. Es sind nun zwei Versionen: die eine sagt, kommen die Italiener, so soll man unter Protest Südtirol räumen. Nach dem Frieden mit Frankreich-Rußland (mit England sehe ich einen solchen noch lange nicht) würde die Strafe folgen. Die andere sagt: Italien würde sich nicht mit dem Einmarsch in Tirol begnügen, es würde den Krieg erklären, Triest besetzen und auch noch weiter über den Brenner und ins Pustertal brechen. Wir würden also doch genötigt sein, auch an der fünften Front zu fechten und hätten eventuell unnütz die wertvollen Festungen im Süden geräumt. Beide Ansichten lassen sich hören. Wie schwer es auch sein würde, die Garnisonen zum Räumen der südtirolischen Festungen zu veranlassen, so lasse ich mir immer noch lieber die Hand wie den Arm abhacken. Man könnte bewußt den Italienern Manches versprechen, denn einem feigen Erpresser hält Niemand sein Wort. Eventuell könnte ein offizieller Protest und ein sozusagen unter der Hand stattfindendes Arrangement wegen sukzessiver Räumung statthaben. Aber daß die Italiener weitergehen, glaube ich nicht. Denken Sie an ihre Kriegssicherung 66, an ihr Zaudern 70, es wird auch sicher soviel Unordnung und so mancher Mangel sich bei der ganzen Aktion zeigen, die Sozialisten und die entschieden sich stärkende Neutralitäts-Partei würden Schwierigkeiten machen, der König, der in reinen Armee-Dingen doch das letzte Wort hat, würde den Stoß ins Herz nicht wagen. Schließlich sind die Italiener auch gute Rechner, die sich sagen, daß die Schwachen immer les pots cassés zahlen, wenn die Mächtigen sich bekriegen, und daß Italien ebenso wie Belgien leicht Kompensationsobjekt werden kann. Im Innern seines Herzens ist eigentlich jeder Italiener feige, über die italienisch sprechende Zone würde er sich sicher nicht herauswagen und sich bei der allgemeinen Vorliebe Roms für halbe Maßregeln mit diesem Triumph begnügen. So möchte ich als ziemlich guter Kenner des modernen Italien die Sache ansehen. Sie werden verhandeln und verhandeln, Versprechungen verlangen, Albanien, Tunis - aber hier kann eine gewandte Diplomatie viel helfen, schließlich ist San Giuliano auch nicht der Mann, sich mit direkten Forderungen französischen Gebietes zu exponieren. Vestigia terrent, und was Bismarck mit der belgischen Offerte seinerzeit 1870 machte, könnte man mit tunesischen und korsikanischen Wünschen der Italiener auch aufführen. Aber, wie oben erwähnt, all diese Gefahren sinken in Nichts zusammen, wenn bei Lemberg gesiegt wird. Ich schließe für heute, vielleicht bietet sich nächstens eine andere Gelegenheit. Über Polen und die Ukraine ließe sich noch viel schreiben. Aber da sind so viel Wenns und Abers, daß man am besten noch nicht über Teilung des Bärenfelles redet. Nur am