Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 31. (1978) - Festschrift für Richard Blaas

Edith WOHLGEMUTH: Prinz Johannes von und zu Liechtenstein als letzter k. u. k. Marineattaché in Rom 1912—1915

382 Edith Wohlgemuth schaft begann man schon nervös zu werden, man wollte sich den Rücken sichern auf unsere Kosten“ 42). Fürst Bülow, der gewesene Reichskanzler, der schon in jüngeren Jahren den Botschafterposten in Rom innegehabt hatte43), war neuerlich mit der Mission in Italiens Kapitale betraut worden, weil man sich, wie Prinz Liechtenstein berichtet, von dem hohen Ansehen, „welches er im Kreise der italienischen Politik genoß“, und seiner „gründlichen Kenntnis der hiesigen Verhältnisse“ erhoffte, daß er „Italien noch bei der Stange würde halten können. Fürst Bü­low war zweifelsohne ein Mann von glänzender Begabung, von sprühendem Witze in der Konversation und routinierter Politiker“44). Aber seine Auffassungen deckten sich nicht mit denen des österreichisch-un­garischen Botschafters, der seit 14. August 1914 im Palazzo Chigi residierte und den ihm von Wien erteüten Weisungen, auf Zeitgewinn zu arbeiten, ge­treulich folgte45). Karl Freiherr von Maechio46) geriet dadurch bald ins Kreuzfeuer der wachsenden italienischen Begehrlichkeit und der eigenwilli­gen, Schwierigkeiten und Bedürfnisse der Doppelmonarchie wenig berück­sichtigenden Verhandlungstaktik des Fürsten Bülow47), die bei den Italie­nern, nach Aussage des Prinzen Liechtenstein „auch den Rest von Scham bei Fortsetzung ihrer Erpesserpolitik“ erstickte48). Macchio selbst bezeichnete seine Lage unter solchen Umständen „wie zwischen Hammer und Amboß“49). Wie sehr aber auch in den Wiener maßgebenden Kreisen die Meinungen über das, was möglich, und das, was zweckmäßig war, auseinanderklafften, be­leuchtet in hohem Maß etwa die Einstellung des k. u. k. Generalstabschefs Conrad von Hötzendorf50), dessen unbesiegbares feindseliges Mißtrauen ge­42) Erinnerungen 19 und Lage 11. Vgl. A. Monticone La Germania e la Neutra- litä italiana 1914—1915 (Bologna 1971) 66f. 43) Bernhard Fürst v. Bülow (1849-1929), 1893 Botschafter in Rom, 1897 Staatsse­kretär des Auswärtigen Amtes, 1900—1909 Reichskanzler und preußischer Ministerprä­sident, Dezember 1914 - Mai 1915 a. o. Botschafter in Rom. 44) Erinnerungen 17. 45) Stephan Graf Buriän Drei Jahre aus der Zeit meiner Amtsführung im Kriege (Berlin 1923) 33. 46) (1859-1945). Nach zahlreichen Verwendungen im diplomatischen Dienst, u. a. als Honorarlegationssekretär 1888-1890 bei der Botschaft am königlich italienischen Hof, seit 1907 im Ministerium des k. u. k. Hauses und des Äußern, zuletzt erster Sek­tionschef. Nach der Überreichung der italienischen Kriegserklärung kehrte er wieder dahin zurück. Vgl. seine Erinnerungen Wahrheit! Fürst Bülow und ich in Rom 1914/15 (Wien 1931). 47) Bülows Meinung über die Beziehungen Deutschlands zu der österreichisch-un­garischen Monarchie wird aus seinem Ausspruch, daß auch „ein Halbgott vergebens gegen eine solche Allianz gekämpft hätte“, deutlich. Bernhard Fürst v. Bülow Denk­würdigkeiten 3 (Berlin 1931) 217, auch 233-235. Vgl. Gary William Shanafelt The secret Enemy: Austria-Hungary and the German Alliance, 1914—1918 (phil. Diss. Uni­versity of California, Berkeley 1977) 93 ff. 48) Lage Ilf. 49) Macchio Wahrheit 129. 50) Franz Freiherr (1910), Graf (1918) Conrad v. Hötzendorf (1852-1925), General­stabschef 1906-1911, 1912-1917.

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