Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 31. (1978) - Festschrift für Richard Blaas

Edith WOHLGEMUTH: Prinz Johannes von und zu Liechtenstein als letzter k. u. k. Marineattaché in Rom 1912—1915

380 Edith Wohlgemuth Wie wenig sich im offiziellen Bereich eine echte Gemeinsamkeit zwischen den Bundesgenossen zustandebringen ließ, erwies nach dem Urteil Prinz Liechtensteins nicht zuletzt die im Zusammenhang mit den Balkankriegen, die ihr Verhältnis ohnehin wieder einmal mehr belastet hatten, einsetzende „angebliche Kooperation“ in Albanien, welche „die Geduld des Wiener Aus­wärtigen Amtes auf die härteste Probe gestellt hatte“, und zwar durch „das illoyale Verhalten des italienischen Vertreters in Tirana, Aliotti“29). Von die­sem wußte der Prinz, daß er „als junger Sekretär der Wiener Botschaft zuge­teilt gewesen“ war und „sich dort ausschließlich in Kreisen der Hasardspie­ler und in Nachtkaffees herumgetrieben“ hatte. „Auf eine besorgte Frage des k. u. k. Botschafters von Mérey an San Giuliano30), ob er denn nicht einen besseren Mann nach Albanien senden könnte, erwiderte San Giuliano lachend: Das ist doch der einzige Posten, wo man ihn hinschicken kann. Die Sache fiel auch danach aus, keine Spur von Zusammenarbeit, Intrigen über Intrigen“31). Das verwirrende und zuletzt tödliche Spiel der Politik jener Zeit ist bekannt. Nach einer gesellschaftlichen Saison im Rom der Jahreswende 1913/14, deren besonderer Glanz, wie Prinz Liechtenstein zugibt, über manche der beste­henden Spannungen hinweggetäuscht und auch ihn, wie viele, die sie genie­ßen durften, mit Optimismus erfüllt hatte, kam „aus heiterem Himmel der Donnerschlag von Sarajevo“32). Man reagierte in k. u. k. Offizierskreisen mit schmerzvollem Bangen vor der Zukunft des Vaterlandes und dem Ruf nach gebührender Strafe für „die Mordgesellen von Belgrad“ . . . „Aber“, stellt der k. u. k. Marineattaché fest, „wir Offiziere hatten nicht den geringsten Einfluß auf die Politik, wir waren genauso nur Objekte der äußeren Politik, wie die vielen Milhonen des unpolitischen Volkes“33). Dem italienischen Volk blieb der Krieg zunächst noch erspart. Seine Regie­rung erklärte neutral bleiben zu wollen und gab deutlich zum Ausdruck, sich dazu gemäß dem defensiven Charakter des Dreibundes durchaus berechtigt zu fühlen, wogegen auch nichts Stichhältiges einzuwenden war34). Erst der Weg, den sie nunmehr einschlug und monatelang im Zwielicht scheinbarer Entschlußlosigkeit, Täuschung und begehrlicher, mit dem berüchtigten Arti­kel VII des Vertrages verknüpfter Forderungen ging35), trug ihr die bittersten 29) Lage 6. Baron Carlo Alberto Aliotti war 1896-1898 Attache an der königlich italienischen Botschaft in Wien. 30) Kajetan Mérey von Kapos-Mere (1861-1931), a. o. u. bev. Botschafter am könig­lich italienischen Hof 1910—1914. Marchese Antonio San Giuliano (1852-16. Oktober 1914), 1906-1909 Botschafter in London, danach bis 1910 in Paris, Außenminister 1905-1906 und 1910-1914. 31) Erinnerungen 10 f. 32) Erinnerungen 13. 33) Erinnerungen 14. 34) Fellner Dreibund 82f. 35) Über die Fülle der zu diesem Thema produzierten Quellenwerke und Darstel­lungen bietet einen instruktiven Überblick: William A. Renzi Italy’s Neutrality and Entrance into the Great War: A Re-examination in American historical Review 73 (1968) 1414-1432.

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