Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 31. (1978) - Festschrift für Richard Blaas

Edith WOHLGEMUTH: Prinz Johannes von und zu Liechtenstein als letzter k. u. k. Marineattaché in Rom 1912—1915

Prinz Johannes von und zu Liechtenstein 377 ster gewesen war, einen Führer und zusammen mit den Antiklerikalen an den Frankreich ergebenen Elementen rund um den äußerst gewandten Bot­schafter Barrére13), seinerseits Hochgradfreimaurer und Beherrscher der ra­dikalen Presse, die stärkste Stütze hatten. Die Presse repräsentierte sich dem Prinzen bei dem temperamentvollen, phantasiebegabten und unruhigen Volk der Italiener überhaupt als maßgebender Faktor der Meinungsbildung, welcher politischen Richtung sie immer diente. Es gab da ja noch die Klerikalen, die Nationalkonservativen und die Sozialisten verschiedener Lager, ein Partei­enwirrwarr, dessen Sprachrohre aber eine der Hauptquellen für die Bericht­erstattung der auswärtigen diplomatischen Dienste darstellten. Dabei bedau­erte es der k. u. k. Marineattaché zutiefst, daß durch die Knausrigkeit der eigenen und der deutschen Regierung deren Botschafter in dem harten Wett­bewerb der politischen Publizistik eindeutig im Nachteil waren. Einem Bar­rére standen schier unerschöpfliche Mittel zur Verfügung. Erst nach Aus­bruch des Krieges trat in diesen Verhältnissen eine leichte Besserung ein14). Es gab auch noch andere Vorwürfe, die nach der Meinung Prinz Liechten­steins der politischen Führung seiner Heimat nicht erspart werden konnten — voran hinsichtlich des mangelnden Fingerspitzengefühls gegenüber dem leicht entzündbaren Überschwang des südlichen Bundesgenossen. So meint er in einem undatierten, sicher erst nach dem Kriegseintritt Italiens verfaß­ten Situationsbericht15), daß Österreich eine echte Chance, die latente Auf­sässigkeit in eine aufrichtige Partnerschaft zu verwandeln, während des Tri­poliskrieges habe ungenützt verstreichen lassen, als anläßlich der sogenann­ten „Manouba“-Affäre eine Entfremdung zwischen Italien und Frankreich aufbrach16). Ferner habe Wien praktisch tatenlos zugesehen, daß sich das Verhältnis zwischen Dreibund und England, dessen Wohlwollen für Italien 13) Camille Barrére (1851-1940), Botschafter in Rom 1897-1924. Vgl. Erinnerungen 12. 14) NA B/718 n. 5: Prinz Liechtenstein Die politische Lage in Italien unmittel­bar vor und bei Ausbruch des Weltkrieges, undatiert (= Lage) 10. Es mag interessant sein, was Prinz Liechtenstein in diesem Zusammenhang über Mussolini sagt: „Wun­derbar ist der Lebensgang dieses Mannes“, dessen „unbeugsamen Fleiß“ und „durch größte Entbehrungen nicht gebeugte Energie“ er rühmt, die diesen in die erste Reihe der gefährlichsten Agitatoren aufrücken ließen, vor allem als er den Wandel vom So­zialisten und überzeugten Kriegsgegner zum wütenden Kriegshetzer vollzog und „mit französischem Geld sofort eine neue Zeitung, den Popolo d’Italia, gründete“. 15) Lage 5f. 16) Der französische Dampfer „Manouba“, der zwar nicht, wie Prinz Liechtenstein angibt, Kriegsmaterial für die tripolitanischen Freischaren nach Libyen bringen sollte, sondern tatsächlich eine Mission des türkischen Roten Halbmondes beförderte, war am 18. Jänner 1912 von dem italienischen Schiff „Agordat“ zur Landung auf Sardinien gezwungen worden. Eine scharfe Rede des französischen Ministerpräsidenten Poincaré am 22. Jänner (Raymond Poincaré Au service de la France 1: Le Lendemain d’Aga­dir 1912 [Paris 1926] 43—54) hatte in Italien große Erregung verursacht (Giovanni Giolitti Denkwürdigkeiten meines Lebens [Berlin 1923] 167f). Poincaré, von der Be­rechtigung und Würde seiner Feststellungen überzeugt, führte die Entfachung dieser Erregung auf das Wirken der germano- und austrophilen Presse zurück. Vor dem Haa­ger Schiedsgericht wurde der Fall später beigelegt.

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