Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 31. (1978) - Festschrift für Richard Blaas

Gerhard RILL: Die Garzweiler-Mission 1603/4 und die Reichslehen in der Lunigiana

Die Garzweiler-Mission 1603/04 und die Reichslehen in der Lunigiana 21 Ziehen wir die Summe aus diesen Äußerungen, bei denen die Abneigung Ru­dolfs n. gegen die spanische Linie seines Hauses mitgespielt haben mag, und zahllosen korrespondierenden Aussagen von Kommissaren und anderen Be­amten, so kommen wir doch sehr in die Nähe jener Gesinnung, die im spani­schen Beamten, dessen Prototyp Fuentes darstellte, den hochmütigen und gewalttätigen Despoten, den Manipulator der Gerechtigkeit und den raffi­nierten politischen Techniker sah. Darin, daß alle diese Fertigkeiten auf die totale Beherrschung Italiens und damit die Ausschaltung aller Konkurrenten, also auch der Feudalhoheit des Reiches, abzielten, stimmte - zumindest zum damaligen Zeitpunkt - der Prager Hof mit italienischen Kritikern der spani­schen Herrschaft, wie dem Dichter Traiano Boccalini und dem Diplomaten Francesco Soranzo, überein51). Garzweiler hat durch seine Berichterstattung nicht nur zur Festigung dieser Ressentiments beigetragen, er machte sich auch Gedanken über mögliche Gegenaktionen und gelangte dabei zu ziemlich konkreten und für seine Zeit radikalen Vorstellungen. Der Weg, der diesen konsequenten Exekutor einer weitgehend spanisch orientierten Rekatholisierung nördlich der Alpen zur Befürwortung einer ebenso konsequenten antispanischen Politik in Italien geführt hat, läßt sich in etwa vier Phasen verfolgen: (1) Bei der Durchführung seines Auftrages, nach einem gegebenen Schema Mittel für den Türkenkrieg bei den kleinen Lehensträgern in Italien einzu- fordem, trifft Garzweiler auf Schwierigkeiten, die zunächst durch falsche Kalkulationen (Feuerstellen als Berechnungsgrundlage) bedingt sind, bald jedoch viel tiefer reichende Ursachen in der wirtschaftlichen, rechtlichen und politischen Situation der Reichslehen erkennen lassen. Am meisten ins Auge fallend sind die beklagenswerten Verhältnisse der vom spanischen Militär „verderbten“ Untertanen im Genuesischen sowie die rechtliche Isolation der Vasallen, vor allem in der Lunigiana, die Geldforderungen in den meisten Fällen als unzumutbar erscheinen lassen52). (2) In der Lunigiana muß der Kommissar besonders deutlich erkennen, wie sehr die Mailänder Regierung bemüht ist, die Malaspina-Lehen an sich zu ziehen. Außer Madrignano und Tresana - die Fälle, mit denen Garzweiler di­rekt konfrontiert wird — sind vor allem die Lehen der in Mulazzo regierenden Malaspina gefährdet. Schon 1574 hatte sich hier eine spanisch orientierte Partei der Untertanen gerührt, seit 1595 legten die Spanier aufgrund eines (allerdings widerrufenen) Testamentes die Hand auf das Reichslehen Casta­51) Vgl. Vittorio Di Tocco Ideali d’indipendenza in Italia durante la preponde- ranza spagnuola (Messina 1926) 65ff; Francesco Cazzamini Mussi Milano durante la dominazione spagnola (Milano 1947) 19 ff, 113 f. Über ein Rundschreiben der Mala­spina 1605 siehe unten S. 22. 52) Besonders deutlich betr. Pitigliano im Bericht Garzweilers, 1603 Dezember 13: PI 1 fol. 170-172; Klagen über die Nachlässigkeit der Prager Regierung bei der Be­handlung von Anliegen italienischer Vasallen im Bericht Garzweilers, 1603 Dezem­ber 20: PI 1 fol. 173-175. Über Desinteressiertheit und Bestechlichkeit der kaiserlichen Behörden etwas übertrieben Pugliese Le prime streite 90.

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