Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 31. (1978) - Festschrift für Richard Blaas
Gerhard RILL: Die Garzweiler-Mission 1603/4 und die Reichslehen in der Lunigiana
Die Garzweiler-Mission 1603/04 und die Reichslehen in der Lunigiana 11 Schwundes nachzugehen. Als Ausgangspunkt der Erhebungen sollten alte Lehensregistraturen, vor allem ein für das ganze Reich gültiges, von Maximilian I. in Auftrag gegebenes Reichslehenbuch - von dessen Existenz man gehört hatte, ohne jedoch den Aufbewahrungsort zu kennen — dienen. Mit dieser Handhabe hielt man es auch für möglich, einen vor allem seit Ferdinand I. von den italienischen Vasallen angewandten Mißbrauch zu kontrollieren: nämlich die Methode, dem Kaiser verfallene Lehen als angebliche Allode aufzutragen und von diesem als Lehen, jedoch als „allodialia franca et libera, propriam naturam feudi non habentia“, zurückzuerhalten. Überall in Italien sollten mit Unterstützung des Papstes, des spanischen Vizekönigs und aller Fürsten „Universalmandate“ angeschlagen werden, in denen alle, die jemals - und sei es vor tausend Jahren! - vom Reich ein Lehen erhalten hatten, zur Rechtfertigung an den Kaiserhof zu beordern wären; Denunzianten sollte strenge Geheimhaltung zugesichert werden5). Dieses vorwiegend finanzielle Interesse an den Relikten des alten regnum Italiae, dazu die Bedrohung und zum Teil schon erfolgte Okkupation von Reichslehen waren auch ausschlaggebend für die neuerliche Ernennung von Kommissaren im Juli 1603, nämlich des Bologneser Conte Cesare Pepoli (an Stelle des ursprünglich vorgesehenen Sigmund von Welsperg) und des Dr. Paul Garzweiler von Westerhofen. Garzweiler, der in der Praxis bald alleiniger Missionsträger werden sollte, gehörte seit 1593 dem Reichshofrat an. Seit Dezember 1595 untersuchte er als kaiserlicher Kommissar die Beschwerden der Bauernschaft im Lande ob der Enns, seit 1597 reiste er mit dem Auftrag der Rekatholisierung des Landes zuerst durch das Mühlviertel, dann durch das übrige Oberösterreich. Ermahnungen zur Milde, die auch aus dem katholischen Lager an ihn gelangten, sowie tumultuose Szenen an den Stätten seines Wirkens (wie etwa in Steyr 1599) lassen nicht auf besondere Beliebtheit schließen, wobei sich der Volkszorn doch mehr gegen das Amt als gegen den Mann gerichtet haben dürfte. Darin, daß er „Verehrungen“ annahm, unterschied er sich bestimmt nicht grundsätzlich von seinen Kollegen. Bei Antritt der Italienmission konnte er jedenfalls als erfahrener, in den schwierigen Verhältnissen der österreichischen Glaubens- und Standesdifferenzen geschulter Unterhändler gelten6). Da sich nur ein Teil der Garzweiler-Berichte erhalten hat, sind wir über das Itinerar und die Einzelheiten dieses Unternehmens nur fragmentarisch unter5) Zwei undatierte Gutachten des Fiskals Dr. Stephan Engelmayr (1598 und 1601): Haus-, Hof- und Staatsarchiv Wien (= HHStA) Pienipotenz in Italien (= PI) 1 fol. 79-81 und 73-78. 6) Für zahlreiche Quellenhinweise, die hier nur summarisch angedeutet werden können, auf das Wirken Garzweilers, besonders in Oberösterreich, danke ich dem Direktor des Linzer Stadtmuseums, Herrn Dr. Georg Wacha. Knappe biographische Zusammenfassungen bei Oswald v. Gschließer Der Reichshofrat (Veröffentlichungen der Kommission für Neuere Geschichte Österreichs 33, Wien 1942) 152f und Georg Grüll Der Bauer im Lande ob der Enns am Ausgang des 16. Jahrhunderts (Forschungen zur Geschichte Oberösterreichs 11, Linz 1969) 53 f.