Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 30. (1977)

NECK, Rudolf: Sammelreferat. Geschichte der Arbeiterbewegung

468 Literaturberichte dikalisten tonangebend. E. hebt die mangelnde militärische Organisation der Roten Armee an der Ruhr hervor, macht jedoch für die schließliche Katastrophe noch andere Momente geltend: Er verweist vor allem auf die fragwürdige Bewältigung des Kapp-Putsches durch die Reichsregie­rung und weist strikt die Kapp-Legende zurück, wonach die Reaktion an einem Generalstreik der Linken auf jeden Fall scheitern würde. Genau derselbe Irrglaube hat auch die österreichische Sozialdemokratie zu ihrer verhängnisvollen Haltung in den Jahren 1927 bis 1934 veranlaßt. Die Kritik des Autors richtet sich in erster Linie gegen führende deutsche So­zialdemokraten wie Noske und Severing, die das Zusammenspiel mit den reaktionären Kräften der Reichswehr mitmachten und zum Teil deren Terrormethoden deckten. Mit allem Nachdruck wird auch festgestellt, daß bei der Roten Armee im Ruhrgebiet keinerlei separatistische Stimmungen und Strömungen zu verzeichnen waren und daß im Gegenteil die Maß­nahmen der Entente im Sinne der deutschen Reaktion erfolgten. In derselben Schriftenreihe wurde die schwedische Dissertation von Mar­tin Graß über die skandinavische Sozialdemokratie im Ersten Welt­krieg in Hinblick auf die Friedensfrage veröffentlichtle). Die Arbeit reicht bis Februar 1917, als mit dem Ausbruch der Revolution in Ruß­land eine neue Situation für die internationale Arbeiterbewegung im Krieg entstand, die dann zur Stockholmer Konferenz mit ihren negativen Ergebnissen führte. Die Vorgänge in der Internationale seit dem Debakel im Sommer 1914 und namentlich die Haltung der skandinavischen Gruppe, die hier geschildert werden, sind für den Vf. gleichsam der Auftakt zu der erwähnten Konferenz. Die Darstellung beruht auf einer ausgezeich­neten Quellenbasis aus den Archiven der nordischen Institute für die Geschichte der Arbeiterbewegung, dem Amtsterdamer Institut, dem Bon­ner SPD-Archiv und dem Archiv der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz. Die Situation der Arbeiterbewegung in den nordischen Staaten bestimmte auch deren Haltung zur Zimmerwalder Bewegung und war durch den neutralen Status mit vorgezeichnet. Im Mittelpunkt der Unter­suchung stehen die unterschiedlichen Auffassungen der beiden Partei­führer, des Dänen Thorwald Stauning und des Schweden Hjalmar Bran- ting, die meines Erachtens geringfügig waren und weniger auf deren ver­schiedene soziale Herkunft zurückzuführen sind, als eher Temperament­sache waren. Daß alle Bemühungen um den Frieden schließlich scheiterten, beweist, daß die Hilflosigkeit gegenüber der Menschheitskatastrophe auch vor dem Sozialismus der neutralen Länder keineswegs haltmachte und daß man auch dort nicht imstande war, die neuen Phänomene in der Theorie zu analysieren und in der Praxis zu bewältigen. Von Graß stammt noch ein spezieller Beitrag über die Friedenspolitik der dänischen Sozialdemokraten 1914—1917, der auf einer Tagung deut­scher und dänischer Wissenschaftler in der Akademie Sankelmark im November 1975 als Vortrag gehalten wurde und nun mit den anderen 16 16) Martin Graß Friedensaktivität und Neutralität. Die skandinavische Sozialdemokratie und die neutrale Zusammenarbeit im Krieg, August 1914 bis Februar 1917 (ebenda 117). Verlag Neue Gesellschaft GmbH, Bonn — Bad Godes­berg 1975. 294 S.

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