Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 30. (1977)
MATSCH, Erwin: Die Auflösung des österreichisch-ungarischen Auswärtigen Dienstes 1918/1920
290 Erwin Matsch renovic und dessen Gemahlin durch aufständische Offiziere. Der neue König, Peter I., befand sich von Anfang an in starker Abhängigkeit von den Verschwörern und ihren politischen Hintermännern. Monate später legte Dumba eine streng vertrauliche Darstellung des Königsmordes vor und bemerkte in seinem Begleitbericht: „Die moralische Mitschuld des neuen Souverains wird jetzt vergeblich von seinen Anhängern geleugnet“ ;>). Die Aufnahme von Offizieren, die direkt oder indirekt mit dem gewaltsamen Thronwechsel in Verbindung gebracht wurden, in die militärische Suite des Königs verletzte die allgemeine Moral und veranlaßte Österreich-Ungarn, Rußland und das Deutsche Reich, die Entfernung dieser Offiziere aus der Umgebung des Königs zu verlangen: Die „Adjutantenfrage“ führte schließlich infolge der Unnachgiebigkeit der serbischen Führung dazu, daß fast alle Gesandten aus Belgrad abreisten und die Leitung der Missionen Geschäftsträgern überlassen blieb. Auch Dumba schloß sich dem sogenannten „Gesandtenstreik“ an und verließ Belgrad am 19. Dezember 1903. Flotow leitete die Gesandtschaft in den folgenden vier Monaten. Daß er sich in dieser Zeit, die durch die serbische Befürchtung einer Aktion der Monarchie auf dem Balkan unter Ausnutzung der Verwicklung Rußlands im Fernen Osten 4) und das Bestreben nach einer möglichst raschen Wiedererlangung der Gunst des Zaren charakterisiert war5), bewährte, geht aus einem Bericht Dumbas hervor. Der Gesandte, der am 12. April 1904 wieder auf seinen Posten zurückgekehrt war und bald berichten konnte, daß der „Adjutantenwechsel im Palais vollzogen“ sei 6), schrieb anläßlich der mit 3. Jänner 1905 verfügten Versetzung Flotows nach Rom, dieser habe infolge des „Gesandtenstreiks“ nicht die nötige Zeit gehabt, sich in Belgrad an der Seite des Missionschefs in gewohnter Weise einzuarbeiten und die nötigen persönlichen Beziehungen anzuknüpfen 7): „Die politische Situation war unklar, und er selbst mußte des Rates aller erfahrenen, das Terrain bereits kennenden Gesandten entbehren, war einzig und allein auf die Unterstützung der hiesigen Geschäftsträger angewiesen, von denen der italienische auch erst kurz seinen Posten bekleidete. — Der besagte Legationssekretär wußte seiner schwierigen, undankbaren Aufgabe voll3) Haus-, Hof- und Staatsarchiv Wien (= HHStA) Politisches Archiv (= PA) XIX 49: Bericht n. 39 von 1904 April 28.— Die grundlegend herangezogene Literatur zu den außenpolitischen Problemen der österreichisch-ungarischen Monarchie bildet F[rancis] R[oy] Bridge From Sadowa to Sarajevo. The Foreign Policy of Austria-Hungary, 1866—1914 (London—Boston 1972). Für einzelne Ereignisse wird nicht wiederholt darauf verwiesen, da es hier nur darum geht, Flotows Haltung oder Stellung zu diesem oder jenem Fall zu beleuchten. *) HHStA PA XIX 49; Bericht n. 19 B von 1904 Februar 13. 5) Ebenda: Bericht n. 24 A—C von 1904 März 2. 6) Ebenda: Telegramm n. 9 von 1904 April 23. 7) Flotow traf Anfang Dezember 1903 in Belgrad ein.