Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 30. (1977)

HOFFMANN, Robert: Die wirtschaftlichen Grundlagen der britischen Österreichpolitik 1919

280 Robert Hoffmann IX Weitgehend unabhängig von den Ereignissen auf der Pariser Friedens­konferenz begann sich im Anschluß an Oppenheimers Memorandum vom 3. Juni eine zweite Ebene der britischen Diskussion über Österreich ab­zuzeichnen. Oppenheimer hatte in Paris vergeblich darauf gehofft, Lloyd George in einer persönlichen Unterredung von der Notwendigkeit einer Unterstützung Österreichs überzeugen zu können. Er beschloß deshalb, nach London zurückzukehren und seinen unmittelbaren Auftraggeber, Schatzkanzler Chamberlain, darauf hinzuweisen, „that if our Allies were not prepared to help we must not hesitate to act alone“ u5). Dieser winkte jedoch ab, wie Oppenheimer in seinen auf Tagebuchnotizen basierenden Memoiren schreibt: „There were already too many calls upon us to help. Our present commitments were such that we might be faced by serious financial difficulties in the autumn. We had been asked to assist France and Italy and they were using the credits granted to keep us out of certain of their colonial markets. If we borrowed money from the United States to help Austria she would spent the money on buying American raw materials“ * 116 *). Chamberlains ablehnende Haltung veranlaßte Oppenheimer, seine Vor­stellungen für die Treasury in einem zweiten Memorandum pointiert zu­sammenzufassen. Neu war darin die Forderung nach der sofortigen Ein­berufung eines Expertenkomitees, das die Möglichkeit von Unterstützungs­maßnahmen für Österreich überprüfen sollte. Für den Fall einer negati­ven Entscheidung empfahl Oppenheimer ein Abrücken der britischen Re­gierung vom Anschlußverbot. Ein Engagement zugunsten Österreichs wur­de dagegen mit dem Hinweis auf die günstigen Aussichten britischer Pri­vatinvestitionen untermauert, wobei die vier großen Donaudampfschiff­fahrtsgesellschaften als besonders lohnende Investitionsobjekte herausge­strichen wurden, deren Erwerbung Großbritannien einen beherrschenden wirtschaftlichen und politischen Einfluß in allen Donaustaaten verschaf­fen würde U7). Wiederum wurde Oppenheimers Initiative vom Foreign Office unterstützt, das sich in einem Schreiben an die Treasury entschieden dafür einsetzte, „to support the proposal that measures should be taken without delay with a view to rehabilitating the industries of Austria“; anderenfalls werde sich führung des Prinzips der Reziprozität zwischen den Nachfolgestaaten im Be­reich der Verkehrsklauseln des Friedensvertrages ein: Heads of Delegations, 1919 August 23: DBFP 1/1 496 f; vgl. dazu Alena Gajanová Die Nachkriegs­beziehungen zwischen den Nachfolgestaaten und die Politik der Großmächte in Mitteleuropa in Conférence internationale du 50« anniversaire de la Repu- blique Tchécoslovaque. Communications (Prag 1968) 16—44. ns) Oppenheimer Stranger Within 395. ne) Ebenda 395 f. ui) Memorandum Oppenheimer’s prepared at the request of the Chancellor of the Exchequer, 1919 Juni 20: DBFP 1/6 48—53.

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