Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 30. (1977)

HOFFMANN, Robert: Die wirtschaftlichen Grundlagen der britischen Österreichpolitik 1919

Britische Österreichpolitik 1919 275 Innerhalb des Foreign Office fand Oppenheimers Memorandum eine über­wiegend positive Aufnahme. Es wurde in der Folge als eine Art Versuchs­ballon benutzt, mit dessen Hilfe man die verschiedenen Fraktionen der britischen Friedensdelegation zu einer Stellungnahme und damit entwe­der zu einer Revision oder wenigstens klaren Definition der britischen Politik gegenüber Österreich zu bewegen hoffte 92). Lord Sumner vertei­digte die (noch nicht publizierten) Reparationsbestimmungen allerdings mit Vehemenz, denn Österreich würde ohnehin erst nach Feststellung seiner Zahlungsfähigkeit zu Reparationsleistungen herangezogen werden. Konfrontiert mit der allgemeinen Austrophilie vermerkte er sarkastisch: „Seemingly, Austria, it is thought, may be offended or dismayed at being treated upon the same system as Germany, or even at being regarded as a culprit at all. If not an innocent young Phoenix, she at least is looking so confidently to us for forgiveness and love, that we ought not to disappoint her by suggesting a payment of money. I think this view is too exclusively Austrian to be really of much weight, when urged against the Reparation Scheme, which, I admit, is not exclusively Austrian“ 9S). Oberst Sidney Peel, ein Mitglied der Financial Section, bestätigte dage­gen die Richtigkeit von Oppenheimers Forderungen in vielen Punkten, warf aber ein, daß die legitimen Interessen der anderen Nachfolgestaaten in dessen Analyse zu kurz gekommen seien. Außerdem hätte die Frie­denskonferenz inzwischen gerade hinsichtlich der zukünftigen wirtschaft­lichen Zusammenarbeit dieser Staaten einige proösterreichische Verände­rungen beschlossen, die manchen Forderungen Oppenheimers recht nahe kämen * 94). Tatsächlich vollzog die Friedenskonferenz die wirtschaftliche Liquidation Österreich-Ungarns auf eine Weise, die der donauraumorientierten öster­reichischen Wirtschaft weiter entgegenkam, als den übrigen Nachfolge­staaten in ihrem Bestreben nach sofortiger Auflösung der bestehenden wirtschaftlichen Verflechtung willkommen war. So wurde etwa Artikel 49 der Wirtschaftsbestimmungen des ersten Vertragsentwurfs, der die Mög­lichkeit der Konfiskation österreichischen Privat- und Gesellschaftsbesitzes in den Nachfolgestaaten vorsah, ohne Zögern revidiert. Diese Bestim­mung war Anfang Mai in der Sub Commission on the Liquidation of Enemy Property analog einer Bestimmung im deutschen Vertrag aufge­setzt und vom Rat der Vier dann ohne Diskussion übernommen worden9S). Artikel 49 rief, wie Cuninghame aus Wien berichtete, den vielleicht größ­ten Schock hervor: „Public Consternation is the mildest expression that can be used. That the frontierlines might be drawn adversely was perhaps expected, but the stunning ") Sir Eyre Crowe leitete das Memorandum an dreizehn wichtige Mitglieder der Friedensdelegation weiter (u. a. an Lloyd George und Balfour), 1919 Juni 4: PRO FO 608 229/11678; vgl. Oppenheimer Stranger Within 386—389. •3) Memorandum Sumners, 1919 Juni 12: PRO FO 608 229/11201. 94) Memorandum Oberst Sidney Peels, 1919 Juli 15: ebenda 11678. 95) Notiz C. Hursts, 1919 Juni 22: ebenda 20/11865. 18*

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