Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 30. (1977)

HOFFMANN, Robert: Die wirtschaftlichen Grundlagen der britischen Österreichpolitik 1919

272 Robert Hoffmann komitees teil und versetzte dabei Cunliffe und Sumner mit seiner Forde­rung, Österreich und den übrigen Nachfolgestaaten überhaupt keine Zah­lungen abzuverlangen, in einige Aufregung. Da Keynes betonte, daß dies auch die vom Foreign Office vertretene Ansicht sei, ersuchte der verun­sicherte Sumner um Aufklärung 80). Har dinge antwortete darauf, daß das Foreign Office in der Reparationsfrage keine spezielle Politik verfolge, sondern im Rahmen einer „very definite general policy“ verhindern wolle, daß Österreich in einer Situation wirtschaftlicher Ausweglosigkeit den Anschluß an Deutschland suche und man deshalb dagegen sei, ,,to impose upon Austria financial and economic obligations which she could not in any case fulfil“ 81). Das Reparationskomitee verzichtete in der Folge am 30. Mai tatsächlich darauf, die Höhe der durch Österreich zu leistenden Reparationen festzusetzen. „This is a great improvement“, gab sogar Key­nes zu, „though not enough, in my opinion, to make the document a wise one“ 82). Mit besonderer Verbitterung wies er aber in diesem, an Philip Kerr, den Sekretär Lloyd Georges, gerichteten Schreiben noch darauf hin, daß die hungerleidenden Österreicher innerhalb von drei Monaten eine Anzahl von Milchkühen abzuliefern hätten, und forderte den Premiermi­nister dringend auf, wenigstens diese Bestimmung auszuklammern. Auch dies geschah nicht; und mit Keynes zog sich schließlich anfangs Juni der zweite führende „Reconstructionalist“ verbittert von der Aus­arbeitung des österreichischen Friedensvertrags zurück. Keynes’ Resignation und die innere Spaltung der britischen Friedensdele­gation in der Frage der österreichischen Reparationen sind vor dem Hin­tergrund des übergeordneten Problemkomplexes von interalliierter Ver­schuldung, amerikanischen Nachkriegskrediten und umstrittener deutscher Reparationsleistung zu sehen. Präsident Wilson hatte im April, wie schon erwähnt, Keynes’ Vorschlag einer globalen Regelung von interalliierten Schulden und deutschen Reparationen abgelehnt. Dieser Plan hätte letzt­lich zur Ansammlung der deutschen Wiedergutmachungsleistungen in der Form von Schatzanweisungen in amerikanischen Tresoren geführt und Deutschland nicht dem ungemilderten Reparationszugriff der europäi­schen Alliierten ausgesetzt. Die interalliierte Verschuldung wäre dadurch zum größten Teil annulliert worden, während, worauf man auf britischer Seite insbesondere hoffte, mit amerikanischer Beteiligung ein Kreditplan zur Wiederbelebung des mitteleuropäischen Wirtschaftsraums zum Einsatz gekommen wäre83). Die amerikanische Weigerung, sich langfristig in ein europäisches Reconstruction-Schema einbetten zu lassen, setzte die briti­sche Regierung verstärkt dem innenpolitischen Druck jener Kreise aus, so) Brief von Sumner an Hardinge, 1919 Mai 29: PRO FO 608 229/11249. 81) Brief von Hardinge an Sumner, 1919 Mai 29: ebenda (Hervorhebung im Orig.) 82) Brief von Keynes an Philip Kerr, 1919 Mai 30: Activities 1914—1919 466 f. Vgl. Tagebuchnotiz Nicolsons, 1919 Mai 28: Nicolson Friedensmacher 335. 83) Vgl. L i p p e 11 Keynes und das finanzpolitische Ordnungssystem 129 f.

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