Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 30. (1977)
HOFFMANN, Robert: Die wirtschaftlichen Grundlagen der britischen Österreichpolitik 1919
Britische Österreichpolitik 1919 267 VI Ende April 1919 erinnerte man sich in der Treasury an Keynes’ Vorschlag, Sir Francis Oppenheimer mit der Aufgabe zu betrauen, die österreichische Wirtschafts- und Finanzlage an Ort und Stelle einer genauen Analyse zu unterziehen5S). Die Friedenskonferenz hatte inzwischen die Ausarbeitung des deutschen Vertragswerks fast abgeschlossen, ohne daß damit, wie man innerhalb des Foreign-Office-Stabs in Paris erkannte, brauchbare Unterlagen für die bevorstehende Arbeit am österreichischen Friedensvertrag zur Verfügung standen. Die bereits eingetretene Verspätung ließ sich allerdings nicht mehr rückgängig machen. Oppenheimer weilte noch in Paris, als der Viererrat am 8. Mai auf Lloyd Georges Vorschlag hin beschloß, daß dieselben Finanzexperten, die eben die Finanz- und Reparationsbestimmungen des deutschen Friedensvertrages fertiggestellt hatten, nun auch so schnell wie möglich diejenigen des Vertrags mit Österreich ausarbeiten sollten58 59). Die Folgen waren voraussehbar. Die mit der österreichischen Situation nicht vertrauten Experten übernahmen auf weite Strecken die entsprechenden Klauseln aus dem deutschen Vertragstext, so daß der erste Vertragsentwurf nicht nur bei den Österreichern, sondern auch in britischen Kreisen zu heftigen Gegenreaktionen führte. Angelpunkt der innerbritischen Opposition war ein Memorandum Oppenheimers vom 3. Juni60). Wie erwähnt, war Oppenheimers Entsendung als „Financial Commissioner to Austria“ insbesondere von Lord Cecil befürwortet worden. Cecil hatte schon während des Krieges ernste Bedenken hinsichtlich der Fähigkeit von Polen, Tschechen und Jugoslawen, sich selbst zu regieren, angemeldet 61) und verband nun mit der Mission Oppenheimers nach Wien konkrete Hoffnungen auf das Zustandekommen einer Art von Donauföderation. In diesem Sinne schlug er Curzon die Installierung einer übergeordneten diplomatischen Instanz Großbritanniens in Wien vor: „It may be that you are right as to the difficulty of having a central High Commissioner at Vienna. The only thing is this: economically German-Austria, Bohemia and Hungary are closely connected, and it is of very great importance that this truth should be recognised by the governments of those countries, whoever they may be, and I think it might be a good thing to have a High Commissioner at Vienna who would have a kind of authority over the other High Commissioners, so as to unify their action“ 62). Oppenheimer, der Cecil kurz vor seiner Abreise nach Wien (13. Mai) besuchte, wurde die Position eines „Commercial and Economic Adviser in 58) Oppenheimer Stranger Within 362. 58) Council of Four, 1919 Mai 8: FR, PPC 5 514. so) Memorandum by Sir Francis Oppenheimer Relative to the Situation in Austria, 1919 Juni 3: DBFP 1/6 40—47. ói) Rothwell British War Aims 159. 62) Brief von Cecil an Curzon, 1919 Mai 12: PRO FO 608 151/10477.