Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 30. (1977)

LILLA, Joachim: Innen- und außenpolitische Aspekte der austropolnischen Lösung 1914–1916

Austropolnische Lösung 1914—1916 245 ihre Wirkung äußern, welchen der Pufferstaat nach dem deutschen Plane unter­worfen werden würde.“ Die von der deutschen Regierung befürchtete wirtschaftliche Schädigung sei ge­genstandslos, denn „das von Österreich-Ungarn verwaltete Polen würde doch gewiß mindestens die wirtschaftliche Aufnahmefähigkeit der gewesenen russi­schen Provinz besitzen“. Zugleich weist Burián die Kompensation mit süd­slawischem Gebiet zurück, das nicht mit Polen verglichen werden könne: „Österreich-Ungarn könnte seine wesentlichen Interessen bei der Pufferstaat- Lösung nicht gewahrt sehen. Andererseits bietet die Angliederung Polens an die Monarchie nach unserer Überzeugung auch die bessere und dauerhaftere Gewähr für die Ruhe und Sicherheit an unserer gemeinsamen langen Ost­grenze, während die gegenwärtig in Erörterung stehende, von Deutschland vor­geschlagene Konstruktion uns geeignet erscheint, über kurz oder lang den Komplex der polnischen Frage und in weiterer Folge der russischen Gefahr wie­der aufzuwerfen“ 73). In seiner Erwiderung 74 75) bekräftigt Jagow die deutsche Politik eines pol­nischen Pufferstaates. Es sei Ziel der deutschen Politik, „daß das Ergebnis dieses furchtbaren, unsere Existenz bedrohenden Krieges die völlige Sicherheit unserer Grenzen gewährt. Das kann nur geschehen, wenn wir den militärischen Schutz selbst in der Hand behalten.“ Auf diesen Aspekt legt auch Tschirschky großen Wert, als er Burián die Note Jagows über­reicht76): „Die Regelung der Polenfrage nach unseren Vorschlägen sei für Deutschland eine Lebensfrage und in erster Linie eine Frage seiner militärischen Sicherheit, das sei sie für die Monarchie nicht.“ Die Ver­handlungen waren anscheinend „völlig auf dem toten Punkt ange­langt“ 76). Bei der nach wie vor ablehnenden Haltung Buriáns versuchte Tschirschky die Meinung anderer österreichisch-ungarischer Politiker in der Polen­frage zu erkunden. Seine Gesprächspartner waren Tisza, Mérey, Stürgkh, Berchtold und Montenuovo77). Tschirschky konnte bei allen mehr oder weniger Sympathien für die deutsche Polenpolitik beobachten und fest­stellen, daß Burián mit seiner intransigenten Haltung weitgehend isoliert sei. Die Gründe sind unterschiedlich, obgleich sie letztlich auf dasselbe Ergebnis hinausliefen: Die baldige Lösung der polnischen Frage sei „ein Gebot der striktesten Notwendigkeit“ (Tisza). Hinzu kommen die Be­fürchtungen einer zu starken Einflußnahme der Polen auf Österreich sowie die Priorität des Kriegsziels Serbien/Montenegro. Die von Berchtold, Montenuovo und Stürgkh vorgetragenen Bedenken bezüglich der Stellung 7®) Vgl. Tschirschky an Bethmann Hollweg, 1916 Juni 7, und Note des k.u.k. Ministerium des Äußern, 1916 Juni 6; ebenda. 74) Note von 1916 Juni 19: ebenda (mit Erlaß vom selben Tage an Tschir­schky zur Übermittlung der Note an Burián). 75) Tschirschky an Auswärtiges Amt, 1916 Juni 21: ebenda. 7®) Tagebuch Redlichs 2 123 f (Eintragung von 1916 Juni 21). 77) Tschirschky an Bethmann Hollweg, 1916 Juni 26 und 27, Juli 1, 4 und 5: PAAA Weltkrieg 20 c geh. Bd. 2. Mérey war Sektionschef im k.u.k. Ministerium des Äußern, Berchtold seit März 1916 Obersthofmeister des Erzherzog-Thron­folgers Karl und Montenuovo Erster Obersthofmeister Kaiser Franz Josephs I.

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