Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 29. (1976)

NECK, Rudolf: Archivalienausstellungen und Zeitgeschichte. Archivarische Klarstellungen zu Manfried Rauchensteiners „Thesen zur Ausstellung des Österreichischen Staatsarchivs“

Archivalienausstellungen und Zeitgeschichte 497 Generaldirektor, dem ersten Experten auf archivalisch-zeitgeschichtlichem Gebiet, und mich erfolgte, mit Unterstützung der Sekretärin der Wissen­schaftlichen Kommission des Theodor-Körner-Stiftungsfonds und des Leo- pold-Kunschak-Preises zur Erforschung der österreichischen Geschichte der Jahre 1927 bis 1938 und selbstverständlich aufgrund der Nachforschun­gen der Kollegen in den einzelnen Archivabteilungen. Ein Teil dieser Ob­jekte war bereits in der Ausstellung 1968 im Kriegsarchiv zu sehen4). Die neu hinzugekommenen Schriftstücke waren zum größten Teil Gol- dinger und mir seit langem bekannt und wurden von uns beiden oft unab­hängig voneinander ausgewählt. Nur wenige Einzelstücke wurden vom Generaldirektor allein und noch weniger nur von mir beigetragen. Der Nachweis im einzelnen läßt sich dazu auch heute noch führen. Prinzipiell besteht bei der Auswahl die Schwierigkeit darin, daß, je näher wir der Gegenwart kommen, historische Kräfte außerhalb der öffent­lichen Sphäre, ja mit bewußter Vermeidung aller Schriftlichkeit, wirk­sam werden 5). In Österreich sind wir jedoch in der glücklichen Lage, die Basis der Dokumentation durch die Heranziehung der Parteiarchive weit über den Rahmen des „amtlichen“ Materials zu festigen und auszudehnen. Einzelne Themen finden vorderhand aktenmäßig noch keine eindeutige Klärung, wie z. B. die Frage der strategischen Planung der Wiener Ge­meindebauten. Rauchensteiner hätte sich diesbezüglich bei den Kollegen im Kriegsarchiv erkundigen können und erfahren, daß für die Ausstel­lung darüber sehr wohl Material ohne Ergebnis gesucht wurde. Ähnliches gilt für die Bewaffnung der Wehrverbände durch das Ausland: die Hirten­berger Affäre wurde nur wegen ihrer internationalen Wirkungen und als Vorgeschichte der Vorgänge vom Februar/März 1933 berücksichtigt. Eine Ergänzung der Ausstellung durch Schriften aus ausländischen Archiven, wie sie Rauchensteiner anregt, ist bei den heutigen Archivpraktiken völ­lig ausgeschlossen. Wenn Rauchensteiner nun einen Zusammenhang zwischen der Ausstel­lung und meinen Thesen auf dem Februar-Symposium der genannten Wissenschaftlichen Kommission von 1974 e), vor allem was die Auswahl betrifft, erblicken will und meint, daß beide einander ergänzen, so unter­schätzt er nicht nur den Anteil der anderen Mitarbeiter an der Ausstellung (vor allem der Kollegen in den einzelnen Archivabteilungen); er verwech­selt auch sozusagen in der Kausalkette der Forschung Ursache und Wir­kung. Eine engere Beschäftigung mit dem Aktenmaterial wird jeden Bear­beiter zu ähnlichen Ergebnissen führen wie mich. Vollends sein Versuch, die alte Legende von der „geteilten Schuld“ wieder neu zu beleben, dürfte kaum noch auf viel Resonanz stoßen. Ich habe mich damit — da es sich um Fragen handelt, die über den Rahmen eines Ausstellungsberichts gehen, in 4) Goldinger „50 Jahre Republik“ passim. 5) Ebenda 349. •) Rudolf Neck Thesen zum Februar. Ursprünge, Verlauf und Folgen in Das Jahr 1934: 12. Februar. Protokoll des Symposiums in Wien am 5. Februar 1974 (Veröffentlichungen der Wissenschaftlichen Kommission des Theodor-Kör­ner-Stiftungsfonds und des Leopold-Kunschak-Preises zur Erforschung der Ge­schichte der Jahre 1927 bis 1938 3, 1975) 15 ff, 85 ff. Mitteilungen, Band 29 32

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