Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 29. (1976)
LAUBACH, Ernst: Karl V., Ferdinand I. und die Nachfolge im Reich
36 Ernst Laubach Waffenstillstandes empfohlen und damit Ferdinands Zusagen an die ungarischen Stände im Grunde desavouiert186). Ohne die Hilfsmittel des Reiches aber schienen die Kräfte der österreichischen Erblande auf die Dauer zu schwach, um Ungarn zu halten, geschweige denn die Türken zurückzutreiben 187). Unter diesem Aspekt war es für Ferdinand eigentlich zwängend erforderlich, daß das Kaisertum nicht nur bei der maison d’Au- triche blieb, sondern bei seinen eigenen Nachkommen. Formuliert hat er dieses Argument allerdings weder jetzt noch später 188). Eine schriftliche Reaktion Karls auf Ferdinands Empfehlungen ist nicht überliefert, und in der Sache hat er sie nicht aufgegriffen. Geht man davon aus, daß seine politischen Erfahrungen ihn in der Überzeugung bestärkt hatten: „Kaiser kann nur sein, wer außer über die Hilfsquellen des Reichs auch über diejenigen Spaniens und Burgunds und Italiens verfügt“ 189 190), und daß seine Konzeption darum darauf gerichtet war, „die Einheit der habsburgischen Gesamtmacht auch für die Zukunft zu sichern“ 18°), dann konnten ihm Ferdinands Anregungen, die diese Aspekte vernachlässigten, kaum geeignet erscheinen. Hätte es nicht viel mehr in seinem Interesse gelegen, den Sieg im Schmalkaldischen Krieg dazu auszunutzen, seinem Sohn und Erben in Spanien Philipp die gesicherte Anwartschaft auf die Kaiserkrone zu verschaffen? Jedenfalls erwartete genau dies die politische Spekulation von ihm: Seit Dezember 1547 taucht in Gesandtenberichten vom Augsburger Reichstag das Gerücht auf, Philipp solle zum Römischen König erhoben werden — mehrmals in der Version: anstelle Ferdinands —, und obgleich die meisten Reichsstände gar keinen Geschmack daran fänden, werde es wohl keinen ernsthaften Widerstand dagegen geben 191 *). Ob das Gerücht fundiert war, wie Rassow aus der Qualität der Diplomaten und der Heftigkeit, mit der Ferdinand im Frühjahr 1549 dagegen Protest 186) vgl. Hugo H a n t s c h Zum ungarisch-türkischen Problem in der allgemeinen Politik Karls V. in Festschrift für Karl Eder (Innsbruck 1959) 67 f. Zahlreiche Belege für Ferdinands vergebliches Warten auf kaiserliche Hilfe gegen die Türken bei Gerhard Rieger Die Einbeziehung der Osmanen in das abendländische Staatensystem 1543—1547 (phil. Diss. Göttingen 1928) passim. 187) Vgl. dazu Wolfgang Steglich Die Reichstürkenhilfe in der Zeit Karls V. in Militär geschichtliche Mitteilungen 11 (1972) 1 ff. iss) Allein aus dieser Interessenlage Ferdinands Widerstand gegen die „spanische Sukzession“ abzuleiten, reicht m. E. nicht aus. Vgl. Fritz Hartung Karl V. und die deutschen Reichsstände von 1546—1555 (Halle 1910) 53 ff. is») Rassow Forschungen 300. 190) Brandi Karl V. 2 388 f. isi) Politische Correspondenz der Stadt Straßburg im Zeitalter der Reformation 4/2, bearb. von Harry Gerber (Heidelberg 1933) 822, 826; Venetia- nische Depeschen vom Kaiserhofe (künftig VD) 2, bearb. von Gustav Turba (Wien 1892) 413 f; Nuntiaturberichte aus Deutschland 1. Abteilung: 1533—1559 (künftig NB) 10, bearb. von Walter Friedensburg (Berlin 1907) 240, 301 f, 377 ff.