Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 29. (1976)
LAUBACH, Ernst: Karl V., Ferdinand I. und die Nachfolge im Reich
Karl V., Ferdinand I. und die Nachfolge im Reich 31 Bischof Cles — also von Ferdinand — ausgestreckter Fühler184) blieb folgenlos angesichts der religionspolitischen Gegensätze, bei denen dem sächsischen Kurfürsten die Rolle des Oppositionsführers zufiel. Ohnedies war bei Johann die Ablehnung der Erhebung Ferdinands eine politisch logische Konsequenz seiner religiösen Haltung 185). Karl wiederum, für den sich die Protestanten mit ihrer Weigerung, sich seiner schiedsrichterlichen Entscheidung zu unterwerfen, aus der Rechtsgemeinschaft des Reiches ausgeschlossen hatten, verhielt sich konsequent, wenn er nun mit dem „Ketzer“ nicht über eine andere reichsrechtliche Frage verhandelte 188). Mit den anderen Kurfürsten gelangte der Kaiser nach einiger Diskussion zu einer Verständigung, wie man mit dem Dilemma fertig werden könne, entweder einen Häretiker an der Wahl teilnehmen lassen oder von der in der Goldenen Bulle vorgeschriebenen Wählerzahl abweichen zu müssen 187). Der kaiserlichen Diplomatie gelang es auch, vom Papst für jeden der beiden Fälle, da sie einen Anfechtungsgrund darstellen konnten, eine Gültigkeitserklärung zu bekommen188). Das Problem der sächsischen Kurstimme nahm dann aber eine ganz andere Wendung, weil Kurfürst Johann den Einladungen nach Köln nicht folgte. Mit seinen Einsprüchen, die sich nicht grundsätzlich gegen die Wahl vivente imperatore richteten — ihre Zulässigkeit hat die kursächsische Politik, soweit ich sehe, erst nach Köln bestritten * 166 167 * 169 * 171) —, sondern die Einberufung wegen Abweichungen von Vorschriften der Goldenen Bulle und Kompetenzüberschreitungen des Reichserzkanzlers anfochten 17°), zeigte er im Grunde das typische Verhalten einer in aussichtslose Minderheit geratenen Opposition, jedes juristisch brauchbar erscheinende Mittel auszunutzen, um einen unerwünschten politischen Beschluß doch noch zu verhindern m). Und wie es 164) Karl Eduard Förstemann Urkundenbuch zur Geschichte des Reichstages zu Augsburg im Jahre 1530 2 (Halle 1835, Nachdruck Hildesheim 1966) 125—128. 165) Ähnlich Baumgarten Karl V. 3 43. 166) vgl. R a s s o w Kaiseridee 65—67. 167) Der Kompromiß, auf den man sich einigte, bei Ranke Deutsche Geschichte 6 116—118. lc8) Karls Auftrag an Mai bei Mayer Forschungen 133 ff. Textvergleich der beiden Bullen ebenda 141 f und 129 f. Vgl. Brandi Karl V. 1 263. 169) Noch in Köln ließ der Kurfürst neben seinem Protest vor Karl erklären, wenn alles korrekt eingeleitet würde, werde er sich keiner zum Wohl des Reiches nötigen Maßnahme verschließen (französische Fassung bei Lanz Correspondenz 1 414 f). Einige Versuche sächsischer Juristen, die Ungesetzlichkeit der Wahl Ferdinands zu beweisen, bei Melchior G o 1 d a s t Politische Reichshändel (Frankfurt am Main 1614) 137 ff. Auch Bayern bezweifelte die Konformität mit der Goldenen Bulle (Förstemann Urkundenbuch 2 771; R i e z 1 e r Baiern 4 238). i’») Der sächsische Protest vor den Kurfürsten im HHStA Reichskanzlei, Wahl- und Krönungsakten 2 (neu) fol. 170—175. 171) Dazu gehört auch, daß Sachsen die Schmalkaldener Bundesverwandten zu einem analogen Protest veranlaßte, der damit begründet wurde, alle Reichs