Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 29. (1976)
SCHRÖCKER, Alfred: Leibniz als Herausgeber historischer Quellen
136 Alfred Schröcker vergleichbar, bestand darin, die Handschriften selbst an Ort und Stelle einzusehen, sie nach Hannover auszuleihen oder eine Abschrift, womöglich notariell beglaubigt 66), zu erhalten. Zum Glück besaßen die Bibliotheken in Wolfenbüttel und Hannover eine bedeutende Anzahl wichtiger alter Handschriften67). Leibniz benützte sie eifrig und versuchte auch, sie Forschern und vor allem Editoren zugänglich zu machen oder gar in Ausleihe zu verschaffen, denn gute Ausgaben erhöhten das Ansehen68 69). Handschriften auszuleihen war nicht ohne weiteres möglich. Diese Not des Herausgebers historischer Quellen bewog Leibniz als Direktor der Wolfen- bütteler Bibliothek zu dem Bemühen, das strikte Ausleihverbot, das wegen Mißbrauch — z. B. des Caspar Sagittarius — eingeführt worden war, langsam abzubauen"). Einfach war dies gewiß nicht, wie etwa aus der Korrespondenz mit Tentzel zu ersehen ist, der den Codex Carolinus nach dem Wolfenbütteler Exemplar edieren wollte 70). Ein besonders wichtiger Faktor der Quellenbeschaffung war die große Zahl von Helfern und Korrespondenten, über die Leibniz Handschriften kaufte, abschreiben ließ oder sie ausgeliehen bekam. Zum Teil beruhte dieses Verfahren auf gegenseitiger Hilfeleistung. Dabei kamen Leibniz seine sehr zahlreichen und europäischen Beziehungen zugute. Leibniz setzte dafür seinen seit jungen Jahren bekannten Namen ein. Um Gegenleistungen zu erbringen, hatte er nicht nur die braunschweig-lüneburgischen Bibliotheken zur Verfügung, sondern er hatte auch fremde Handschriftensammlungen gesehen und dort einiges exzerpiert oder abgeschrieben, wie in Wien oder Modena 71). Schlechte Erfahrungen hatte er z. B. 1689 in München gemacht, wo man ihm trotz Empfehlungen keinen Zutritt zu den Handschriften gewährte 72). Zuweilen vermochte Leibniz auch durch den Einsatz braunschweig-lüneburgischer Gesandter Material zu beschaffen, 8a) Über diese Möglichkeit betreffend die Abteien Corvey, Fulda und Gandersheim schreibt Uhlich an Leibniz, 1696 Juni 26: LBr 946 fol. 8—9. ®7) Otto von Heinemann Die Handschriften der herzoglichen Bibliothek zu Wolfenbüttel, 9 Bände (Wolfenbüttel 1884—1913). Eduard Bodemann Die Handschriften der königlichen öffentlichen Bibliothek zu Hannover (Hannover 1867), wovon Leibniz selbst einen Teil sammelte. a8) Leibniz in seiner Bibliotheksdenkschrift vom 17. Juni 1695: Bibliotheksakten A 6 fol. 156—159. Vgl. Leibniz an Friese, 1693 März 24: LSB 1/9 n. 207; Leibniz an Paullini, 1695 Februar 4: Jenaer Universitätsbibliothek Ms. Buder 348/1 fol. 106—107 über die vorsichtige Haltung der Minister von Bernstorff und Hugo betreffs Editionen. 69) Leibniz an Tentzel, 1693 Juni 29: LSB 1/9 n. 320; Bibliotheksakten A 6 fol. 101—107, 112, 123—124, 130—132, 173—174 etc. Vgl. auch Heese Die Rolle der Historie 55 f, 99 f: Furcht des Kaisers vor dem Druck wertvoller Manuskripte, z. B. eines Glossars des Rhabanus Maurus; Lübeck hütet seine „arcana civitatis“. 70) Vor allem LBr 915, bis 1693 gedruckt in LSB 1/8 und 9. 77) Wien: LSB 1/5 nn. 120, 145, 151, 176, 177, 198. Über Modena und Leibniz’ Nachfragen 1695: Leibniz an Franchini, Sommer 1695: Ms. 23, 181, 1, 3 fol. 39—40. 72) LSB 1/6 n. 47.