Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 29. (1976)
SCHRÖCKER, Alfred: Leibniz als Herausgeber historischer Quellen
Leibniz als Herausgeber historischer Quellen 129 Lindauer echt waren30), ob und worin die Geschichtsschreiber zuverlässige Informationen übermittelten31). Eine besonders quellenkritische Forschung, mit der Leibniz vertraut war, entwickelte sich seit den achtziger Jahren des 17. Jahrhunderts gegenüber den Bibeltexten. Der Oratorianer Richard Simon veröffentlichte seit 1680 seine textkritischen Untersuchungen über das Alte und Neue Testament. Natürlich kannte Leibniz die wichtigsten Ausgaben der maßgebenden Altphilologen des 16./17. Jahrhunderts, z. B. von Scaliger, Heinsius, Gude, Saumaise oder seiner Briefpartner Spanheim und Graevius32). Die zunehmende Kritiklust und -fähigkeit des Zeitalters ist vielfältig greifbar, Einflüsse auf einen besonders aufgeschlossenen und vielseitigen Wissenschaftler wie Leibniz lassen sich nicht auf einfache Nenner bringen. Die probatio, der genaue Quellennachweis und die kritische Betrachtung einer Quelle, waren für Leibniz nur ein wichtiger Schritt, sie allein genügten nicht: eine entscheidende Erfahrung bei seinen Forschungen. Es gab Historiker wie den Italiener Giovanni Pigna, der in seiner Geschichte des Hauses Este viele Belege anführte33); aber sie lagen in uner- schlossenen Archiven und waren deshalb für die wissenschaftliche Welt kaum nachprüfbar. Wissenschaft vollzog sich für Leibniz und für das 17. Jahrhundert nicht in der isolierten stillen Denkerkammer, sondern im kritischen Austausch der Gelehrten, in der Gelehrtenrepublik34 *). Dem s°) Über diesen wichtigen Fall für die deutsche Diplomatikgeschichte biblio- graphiert Martin L i p e n i u s Bibliotheca reális juridica 1 (Leipzig 1757) 235 s. v. „Lindaviensia“ für die Zeit 1641—1712 mit Werken u. a. von Wagnereck, Conring, Raßler, Tentzel, Weber, Weglin, Struve und Leibniz. Burkard Gotthelf Struve publizierte 1712 seinen Briefwechsel mit Leibniz vom gleichen Jahr zu diesem Problem (R a v i e r n. 309). 31) Leibniz im Vorwort zu Scriptores rerum Brunsvicensium. 32) LThK 9 (1964) 773—774; Simons Werke wurden in der hannoverschen Bibliothek angeschafft; vgl. LSB 1/5 428, 459; 1/7 651; 1/8 500; Leibniz an Spanheim, 1695 September 14 (LBr 876 fol. 46—47); Leibniz an Magliabechi, 1695 März 24 (Du tens Opera 5 111) über neue kritische Bibelausgaben; vgl. LThK 2 (1958) 339—344 s. v. „Bibelausgaben“. Altphilologen: LSB 1/5 447, 459. 33) Giovanni Battista Pigna Historia de’ Principi d’Este (Vinegia 1572); Leibniz’ Marginalexemplar in Hannover, Niedersächsische Landesbibliothek Leibn. Marg. 159. Über die Unzuverlässigkeit Pignas und seiner Quellen aus italienischen Archiven: Ms. 23, 250 fol. 65 (undatiertes egh. Konzept); Ms. 23, 181, 1, 3 fol. 39—40 (Leibniz an Giovanni Franchini, Sommer 1695). — Im übrigen wollte Leibniz besonders für die deutsche und italienische Geschichtswissenschaft vorbildlich sein; vgl. Kurt Müller und Gisela Kr önért Leben und Werk von G. W. Leibniz. Eine Chronik (Frankfurt/Main 1696) 157. 34) Besonders gut zu sehen aus LSB 1/1—9 und 2/1—2 für die Zeit noch vor dem Höhepunkt von Leibniz’ Korrespondenzen; weiterer Überblick bei Bodemann Briefwechsel: Korrespondentenverzeichnis mit 1028 Nummern ohne fürstliche Personen, aber mit Dienern etc.; ferner die Sammlungen von Gerhardt, Klopp, Dutens u. a. Vgl. Leibniz an Meibom, 1693 März 31 (LSB 1/9 n. 217) über den Codex juris gentium diplomaticus: „quanta inde expectari possint in commodum rei litterariae et publicos usus“. Mitteilungen, Band 29 9